Aufgefallen in… Singapur

Velo statt Dschungelbahn

Die Stahlfachwerkbrücke Bukit Timah ist ein beliebtes Bildmotiv.

Sei es New York, Paris oder Wien: Eine Grossstadt, die etwas auf sich hält (und auch Zürich, das sich gerne als Grossstadt wähnt) hat ihn: einen Park auf einer früheren Eisenbahnstrecke. Sie heissen High Line Park (New York und Wien), Petite Ceinture oder Letten. Noch nicht so lange zählt auch Singapur zu dem illustren ­Städtekreis. Railway Corridor heisst die Verbindung, die der Bevölkerung als Er­holungsraum dient und die Touristen als neue Attraktion benutzen.

Wer nun denkt, nichts Besonderes also, täuscht sich. Da ist einmal die Dimension des Parks. Der Railway Corridor durchquert den ganzen Stadtstaat von Süden nach Norden. 24 km lang ist die Strecke, über die bis Juli 2011 Personen- und Güterzüge Singapur und Malaysia miteinander verbanden. Kein anderer Park war je Teil einer grenzüberschreitenden Strecke.

Wirklich einzigartig ist der Railway Corridor allerdings wegen seiner Umgebung. Schon kurz nach Verlassen der früheren Tanjong Pagar Railway Station im Stadtzentrum finden sich Velofahrende und Spazierende in sattem Grün wieder. Ein paar Kilometer weiter wird der Railway Corridor zur Fahrt oder zur Wanderung im Dschungel. Links und rechts ist der Weg von Dickicht gesäumt, aus dem mächtige Urwaldbäume aufragen.

Von der Stadt ist einzig gedämpfter Verkehrslärm vernehmbar. Dafür sind diverse Vogelstimmen zu hören, darunter der eindringliche Balzruf eines Asian Koel, eines asiatischen Kuckucks. Bunte Schmetterlinge tanzen durch den Tag. Es dauert nicht lange, bis Langschwanz-Makaken, lokale Kleinaffen, den Weg kreuzen. Ein hier gedrehter Film könnte den Titel «Dschungel in der Grossstadt» tragen.

Für Bahnliebhaber sind die beiden erhalten gebliebenen Stahlfachwerkbrücken und die Bukit Timah Railway Station ein beliebtes Fotomotiv. Die Station wird restauriert und soll ein Besucherzentrum beherbergen, in dem die fast achtzigjährige Geschichte des Kernstücks des alten Singapurer Schienennetzes aufleben soll.

Eröffnet wurde die Strecke 1932. Damals waren Singapur und Malaysia als Kronkolonie der Straits Settlements noch Teil des British Empire. Die Verbindung von Tanjong Pagar nach Woodlands und über den Damm nach Johor Bahru auf der Halbinsel diente vor allem der Wirtschaft. Die Richtung Norden ratternden Züge transportierten Maschinen und andere Importgüter. In der Gegenrichtung hatten sie Rohstoffe zum Export über den Hafen Singapur geladen. Zwischen Singapur und Kuala Lumpur, Hauptstadt des heutigen Malaysia, gab es in den Dreissigerjahren täglich drei Verbindungen.

Für das nach dem Zweiten Weltkrieg mit japanischer Besetzung aufstrebende Singapur sicherte die KTM (Keretapi Tanah Melayu) Railway die Anbindung an das für die Nahversorgung vor allem mit Frischprodukten wichtige Hinterland. Sie war Rückgrat und Nadelöhr zugleich. 1965, als Singapur aus der Malaiischen Föderation hinausgeworfen wurde, wurde sie zudem zum Stachel. Bahn, Schienennetz und – besonders ärgerlich – das Land verblieben nach der Trennung im Besitz von Malaysia. Erst nach langwierigen Verhandlungen konnten sich die beiden Staaten 2010 über einen Landabtausch einigen, der Singapur die Kontrolle über den Eisenbahnkorridor brachte.

Die wechselvolle Geschichte des Singapurer Eisenbahnparks ist damit aber noch nicht zu Ende erzählt. In den Plänen der Stadtentwicklungsbehörde URA nimmt der grüne Railway Corridor als «inselüberspannende grüne Arterie» einen wichtigen Platz ein. Sie will die umliegenden Stadtteile und solche, die noch dazu werden, neu denken. Der Railway Corridor soll Kern eines attraktiven gemeinschaftlichen Raums für 1 Mio. Menschen sein, die in seinem Einzugsgebiet leben.

Vermeidet Singapur die Fehler New Yorks, wo den Flanierenden entlang des High Line Park inzwischen teure Wohntürme die Aussicht nehmen, kann der Railway Corridor ein Freiraum mit Dschungel bleiben.

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