Aufgefallen in… Singapur

Sportfans am Äquator

Loh Kean Yew sorgte mit seinem WM-Sieg im Badminton für Begeisterung in seiner Heimat Singapur.

Im asiatischen Stadtstaat schaffen es Spitzensportler eher selten in die Schlagzeilen. Anders war das kurz vor Jahresende. Da gab es für Singapur gleich zwei historische Sportmomente. Der 24-jährige Loh Kean Yew gewann als Ungesetzter den Weltmeistertitel im Badminton, den ersten WM-Titel Singapurs in dieser Disziplin.

Nur 43 – allerdings hektische – Minuten dauerte es im spanischen Huelva, bis Loh Kean Yew als Weltmeister feststand. Er bezwang den Inder Srikanth Kidambi in zwei Sätzen, von denen der zweite hart umkämpft war. Lohs Sieg war sofort auf ­allen TV-Kanälen und in den Online­medien die News des Tages. Nach seiner Rückkehr aus dem fernen Spanien wurde der Sportler mit einer Parade in der Innenstadt ­gefeiert. Und in der Wahl zum Singapurer des Jahres, den die bedeutendste Tageszeitung «Straits Times» zusammen mit Sponsor UBS orchestriert, hat der Badminton-Crack sicher gute Chancen.

Sein Erfolg verdrängte die Fussballer des Stadtstaats aus den Schlagzeilen, die sich nur wenige Stunden zuvor den Halbfinaleinzug im AFF Suzuki Cup, in der Süd­ostasienmeisterschaft, gesichert hatten, auch das zum ersten Mal. Gut 9500 Fans hatten im National Stadium mitgefiebert und die Qualifikation der Lions gefeiert. Dass das Spiel gegen das favorisierte Thailand verloren ging, tat der Freude keinen Abbruch. Das Resultat spielte keine Rolle mehr, brachte aber dem Team das starke Indonesien als Halbfinalgegner. Und dort scheiterte die Nationalelf in einem umkämpften, von umstrittenen Schiedsrichterentscheiden beeinflussten Spiel.

Loh mit dem Titel nach einem kometenhaften Aufstieg und die Lions mit der Halbfinalqualifikation setzten glanzvolle Schlusspunkte in einem für Singapur ohnehin aussergewöhnliches Sportjahr. An den Paralympics in Tokio hatte Schwimmer Yip Pin Xiu zwei Mal Gold geholt, und Bowlerin Shayna Ng hatte sich im Herbst den Weltmeistertitel im Einzel gesichert.

In Singapurs Sportgeschichte sind solche Erfolge fast an einer Hand abzuzählen. Der letzte geht auf den Schwimmer Joseph Schooling zurück, Olympiasieger in Rio 2016. Die erste von bisher insgesamt fünf Olympiamedaillen hatte ein Gewichtheber 1960 aus Rom nach Hause gebracht.

Im Spitzensport mag Singapur eine kleine Hausnummer sein. In Sachen Breitensport dagegen ist der Stadtstaat richtig mobil. Gut zwei Drittel der Bevölkerung von 5,8 Mio. betreiben mindestens ein Mal pro Woche Sport, wiederum gut die Hälfte davon drei Mal. Gemäss einer Umfrage des Gesundheitsministeriums ist die Tendenz steigend, womit auch gerne auf den Erfolg der Vision 2030 verwiesen wird, die Sport als Pfad sozialer Mobilität und als nationale Sprache verstanden haben will.

An den Abenden und an den Wochenenden werden die Bike- und die Joggingrouten im East Coast Park äusserst rege ­genutzt. Sportenthusiasten im Marathon-Finisher-Shirt kreuzen sich mit Familien, die gemütlicher unterwegs sind. Auf der separaten Piste überholen Biker auf Carbon-Rädern Mietvelofahrer, darunter auch solche, die ihr Schosshündchen vorn im Körbchen ganz gemächlich spazieren fahren. Verkehrsregeln werden dabei strikt eingehalten, Linksverkehr mit Rechtsüberholen, und für querende Fussgänger wird abgebremst. Eine wohltuende Gelassenheit im Vergleich zu dem hektischen und politisch aufgeheizten Veloverkehr in Zürich.

Das gilt auch in einem zweiten Punkt. Im National Stadium, dessen Kapazität von 55 000 Plätzen wegen Covid nicht ausgelastet wurde, gibt es keine Hektik, wie der Besuch des zweiten Halbfinals am ­Suzuki Cup bestätigte. Studenten oder ältere Personen, die ihre Rente aufbessern, leisten freundlich ihren Dienst (im Sinne des Wortes) an den Zutrittskontrollen und im Stadion drin. Keine breitbeinig da­stehenden Ordnungskräfte in Pseudo­uniform, kein Polizeiaufgebot in Kampfmontur, wie in der Schweiz leider oft ­notwendig. Singapur weiss um die zurückhaltende Art seiner Sportfans. Begeisterung geht am Äquator nicht zusammen mit Masslosigkeit.

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