Aufgefallen in… Stockholm

Parkplätze der anderen Art

Kinderwagen sind überall in Stockholm. In den Parks, auf den Gehsteigen, in den Trams. Damit sie, einmal am Zielort angekommen, nicht den Weg versperren, haben schwedische Cafés, Museen, und weitere öffentliche Orte Parkplätze der anderen Art eingerichtet: für Kinderwagen.
Den kleinen Passagieren dieser Gefährte wird in Schweden nicht nur physisch Platz gemacht. Auch die Gesetzgebung räumt Kindern, beziehungsweise deren Eltern, viele Freiheiten ein.

Schwedische Eltern haben Anrecht auf 480 Tage bezahlten Elternurlaub, das gilt auch bei Adoptionen. Während der Mehrheit dieser Zeit erhält diejenige Person, die zu Hause bleibt 80% des vorherigen Lohns. Um von der grosszügigen Finanzierung profitieren zu können, müssen die Eltern vor der Geburt des Kinds ein knappes Jahr in Schweden gearbeitet haben. Die Privilegien gehen auch nach der Geburt weiter. Bis zum 12. Altersjahr ihres Kinds können Eltern bis zu 120 Tage im Jahr fehlen, sollte ihr Kind krank sein.

Das alles kostet. Die effektive Steuerrate in Schweden gehört zu den höchsten der Welt. Während Schweizer im Schnitt bis zum 1. Mai arbeiten müssen, bis Steuern und Abgaben des betreffenden Kalenderjahrs verdient sind, erreichen die Schweden den Steuerfreiheitstag erst am 30. Juni. Auch beim Anteil von Familienzulagen am Bruttoinlandprodukt gehört Schweden mit 3,3% zusammen mit Dänemark und Frankreich zu den weltweiten Spitzenreitern. Das schlägt sich nieder in den Geburtenraten: Gemäss UN-Daten hat die Durchschnittsschwedin 1,9 Kinder, die zweithöchste Zahl nach Frankreich. Der Schweizer Wert liegt bei 1,5.

Schweden gehört zu den Pionieren, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht. Als erstes Land der Welt führte es 1974 einen Elternurlaub ein, der für Mütter und Väter galt. Doch die Männer machten kaum Gebrauch von den neuen Möglichkeiten. Die Anzahl der Väter, die für ihre Kinder zu Hause blieben, stagnierte bis in die Neunzigerjahre im einstelligen Prozentbereich. Der klare Wechsel setzte erst ab 1995 ein, als der damalige liberale Sozialminister Bengt Westerberg die Rahmenbedingungen änderte: Niemand wurde gezwungen, zu Hause zu bleiben, aber wenn ein Elternteil auf den bezahlten Elternschaftsurlaub verzichtete, sank die Gesamtmenge an Tagen, die für beide Eltern verfügbar war. Somit erreichte der Staat ein Umdenken – nicht nur bei den frischgebackenen Eltern, sondern auch bei den Arbeitgebern und in der Gesellschaft als Ganzes.

Heute sind jeweils drei Monate pro Elternteil von den insgesamt 480 verfügbaren Tagen nicht übertragbar. Sollte eine Mutter oder ein Vater auf Elternurlaub verzichten, fallen somit drei Monate weg. Diese Spezialregelung ist gemäss Studien hauptverantwortlich dafür, dass es in Schweden – anders als in vielen anderen europäischen Ländern – mittlerweile völlig normal ist, dass Männer ebenfalls Elternzeit für sich beanspruchen. Neun von zehn Vätern nehmen im Schnitt ein Drittel des gesamten Elternurlaubs in Anspruch. Politiker aller Couleur werben mit familienfreundlichen Gesetzesvorschläge, setzen sich ein für die Gleichberechtigung der Frau im Geschäftsleben und die Rechte des Manns in der Kinderbetreuung. Das hat dazu beigetragen, dass Schweden gemäss dem World Economic Forum einen Podestplatz einnimmt, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht.

Was in den Achtzigerjahren in der schwedischen Öffentlichkeit noch Debatten über den Verlust der Männlichkeit auslöste, ist heute Alltag. Nicht nur im kosmopolitischen Stockholm, auch in der schwedischen Provinz sind sogenannte Latte-Väter, also junge Männer, die mit ihrem Kleinkind im Café sitzen, Alltag. «Man wird eher komisch angeschaut, wenn man als Mann nicht einige Monate mit seinem Kind verbringt», sagt Gustav und lacht. Dann hebt er seinen Sohn Matthias hoch und setzt ihn in den vor dem Café geparkten Kinderwagen.

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