Aufgefallen in… Vaduz

Und ewig droht der Fürst

Ungläubig schauten die Liechtensteiner an diesem kalten Mittwochnachmittag drein. Viele konnten sich nicht erinnern, je so etwas im Kleinstaat gesehen zu haben: Vor der Festhalle in Schaan bei Vaduz wurden Autos abgeschleppt. Platz wurde gemacht für drei gepanzerte Limousinen. Aus ihnen stiegen die Bundespräsidenten dreier Länder: Frank-Walter Steinmeier (Deutschland), Alexander Van der Bellen (Österreich) und Ueli Maurer (Schweiz).

Drinnen in der Festhalle sprach Erbprinz Alois, Erstgeborener von Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein, Fürst und Staatsoberhaupt des Landes, das seinen Namen trägt und das am Mittwoch den 300. Geburtstag feierte. Kaum eine Nation Europas existiert schon so lange, in dieser Form, in denselben Grenzen. Manche mögen darauf verweisen, die Eidgenossenschaft sei fast 730 Jahre alt. Doch die Schweiz in heutiger Form entstand gerade erst vor 171 Jahren.

Vor drei Jahrhunderten vereinigte jedenfalls der deutsche Kaiser Karl VI. die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg und erhob sie zum Reichsfürstentum Liechtenstein. Ein Geschenk an seinen lieben Onkel und Erzieher Johann Adam I. von Liechtenstein. Der hatte zwar schon weitläufige Ländereien im heutigen Tschechien und Österreich. Von der Burg Liechtenstein südlich von Wien stammt der Name des Adelshauses.

Doch der bettelarme Landstrich am Rhein war Johann Adams erstes reichsunmittelbares Gebiet. Heisst, er war ab damals nur noch dem Kaiser und keinem Fürsten dazwischen mehr verantwortlich. Dank dieser gebirgigen Einöde, in der kurz zuvor noch Hexenverfolgungen stattgefunden hatten, gehörte das Haus Liechtenstein nun zu den höchsten aristokratischen Kreisen im Reich.

Die Fürstenfamilie verlegte ihren permanenten Wohnsitz aber erst 1938, nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, von Wien nach dem liechtensteinischen Hauptort Vaduz. Unter Einsatz des eigenen Portemonnaies päppelte sie das rückständige Land auf. Mit einem geschätzten Vermögen von rund 8 Mrd. Fr. ist es heute das reichste Adelshaus Europas. Und das mächtigste.

In seiner Festrede bezeichnete der Erbprinz das Land als direktdemokratische Monarchie. Eine bizarre Wortschöpfung. Doch Liechtenstein ist genau das. Eine direkte Demokratie wie die Schweiz, doch der Fürst kann mit seinem Veto jedweden Beschluss des Volks für nichtig erklären.  Kein anderes gekröntes Haupt Europas kann das. Das führte in der Geschichte immer wieder zu Spannungen.

Der Vater des Fürsten blockierte noch eine Jagdgesetzreform, der Fürst selbst allein mit der Androhung des Vetos ein Abtreibungsgesetz. Bis heute ist der Schwangerschaftsabbruch im Ländle verboten. Beim Referendum 2003 über eine neue Verfassung, die dem Fürsten noch mehr Rechte einräumte, drohte der Monarch erneut: Bei Nichtannahme ziehe er nach Wien. Die Liechtensteiner stimmten für die Verfassung, dürften aber seither auch den Fürsten absetzen. Zuletzt verwarf das Volk 2012 eine Initiative zur Abschaffung des Vetos. Der Fürst hatte wieder mit Rückzug gedroht.

Doch was solls, den Liechtensteinern geht es schliesslich gut, das war am Mittwochabend zu spüren. Das Land hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner (fast 40 000), dazu globale Unternehmen und Banken. Mit der Schweiz verbindet es eine Zoll-, Währungs- und Verteidigungsunion, mit der EU die Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum, was bisher zu keinen wirklichen Spannungen geführt hat.

Allerdings konnte Liechtenstein einst eine Ausnahme aushandeln, die Staatsgast und SVP-Bundesrat Ueli Maurer am Mittwochabend sicher auch gern hätte: Das Land ist von der Personenfreizügigkeit mit der EU ausgenommen, Ausländer dürfen nur in wenigen Ausnahmefällen Wohnsitz im Fürstentum nehmen. Die Einbürgerung gibt es dann erst nach dreissig Jahren. Aber was ist das schon gegenüber drei Jahrhunderten.

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