Aufgefallen in… Venedig

Künstlerische Reizüberflutung.

Das Arsenale ist ausserhalb der Biennale für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Im Bild: Die Videoinstallation der Hausregisseurin des Zürcher Schauspielhauses Wu Tsang «Of Whales» (2022).

Menschen überall: auf der Rialto-Brücke, dem Markusplatz und den Vaporetti. In Venedig hat es in diesem Sommer beinahe gleich viele Touristen wie vor der Pandemie, einzig die Reisegruppen sind noch weniger zahlreich als 2019. Doch es gibt einen Ort, der trotz Hochsaison nicht überfüllt ist: die Biennale Venedig. Oder besser gesagt, gleich mehrere Orte, denn die internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst hat seit ihrer ersten Durchführung 1895 kräftig expandiert.

Neben dem «Giardini», einem weitläufigen Park mit 27 individuellen Länder­pavillons, gehört seit den Achtzigerjahren auch die «Arsenale» dazu. In einer mehr als 300 Meter langen Halle, wo einst Schiffe im Akkord gebaut wurden, können Besucher heute durch die Ausstellung «Milk of Dreams» mit einem surrealistischen Einschlag streifen, bevor die Staaten ohne eigens errichtetes Gebäude ihre Künstler und Werke präsentieren.

Dazu gehört auch die Ukraine. Der «Brunnen der Erschöpfung» von Pavlo Makov hat eine dreiwöchige Reise aus der belagerten Ukraine hinter sich. Nun steht die zweieinhalb Meter hohe Installation in Venedig: Wasser fliesst von einem Trichter pyramidenförmig durch 77 weitere Bronzetrichter, bis der Strom ein blosses Rinnsal ist. Zusätzlich wurde im «Giardini» eine riesige Skulptur aus Sandsäcken errichtet und die Zeichnungen ukrainischer Künstler ausgestellt. Der russische Pavillon hingegen bleibt für das Publikum geschlossen: Die Künstler und der Kurator gaben kurz nach Kriegsbeginn ihren Rücktritt bekannt, aus Solidarität mit der Ukraine.

Auch anderswo an der Biennale wird politisch Stellung bezogen. Sei es in der Auswahl der Künstler, wie Małgorzata Mirga-Tas, die als erste Roma den polnischen Pavillon mit ihren bestickten Tapisserien schmückt, oder in der Themenwahl, wie die nachgestellten Protestfotos des Kanadiers Stan Douglas, oder gleich als ganzer Pavillon: im gemeinsamen Ausstellungsraum von Finnland, Schweden und Norwegen stellen die Samen aus, ein Zugeständnis an die Leidensgeschichte des indigenen Volkes im Norden.

Schlangen bilden sich einzig vor dem griechischen und chilenischen Pavillon, die jeweils nur eine Handvoll Besucher hereinlassen. Die Filmemacherin Loukia Alavanou nimmt den Betrachter via Virtual-Reality-Brille mit in eine Roma-Siedlung ausserhalb Athens, wo die Ödipus-Saga inszeniert wird. Im chilenischen ­Pavillon werden die Besucher für eine Viertelstunde Teil der Moore Patagoniens. Andere Räume hat man gar ganz für sich allein, obwohl keine Eingangskontrolle stattfindet. Ignasi Aballí verschob den spanischen Pavillon um 10 Grad, während Maria Eichhorn Teile der Grundmauern des deutschen Pavillons offenlegte. Die Resultate sind schnell besichtigt.

Andere Exponate nehmen mehr Zeit in Anspruch. Besonders zu empfehlen sind die Installationen des Südkoreaners Yunchul Kim, der Musik, Physik und Technik zu wunderbar futuristischen Skulpturen vereint, der US-Pavillon, der von der Keramik-Künstlerin Simone Leigh gestaltet wurde, sowie der «Teaching Tree» von Muhannad Shono, eine den ganzen Pavillon Saudi-Arabiens einnehmende Skulptur aus Palmblättern, die zu atmen scheint.

Das Hauptproblem der Biennale ist die Reizüberflutung: Die zwei Tage, die ein ­Ticket Zutritt gewährt, reichen kaum aus, um die offiziellen Biennale-Gelände zu besichtigen. Will man zudem noch die Ausstellungsräume besuchen, die sich über die ganze Stadt und bis nach Murano und Mestre verteilen, sollte man definitiv mehrere Tage einplanen – plus genügend Verschnaufpausen, in denen man den Blick nicht auf Skulpturen und Gemälde richtet. Die langsam zerfallenden Häuser Venedigs und das Farbenspiel des Himmels über der Lagune bleiben eindrucksvoll. Wer diesen letzteren Aktivitäten lieber mit weniger anderen Touristen neben sich und bei kühlerem Wetter nachgeht, kann dennoch auch die 59. Biennale besuchen: Ihre Türen stehen noch bis zum 27. November offen.

 

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