Aufgefallen in… Washington

Die Herrschaft der Katholiken

Sechs der neun Mitglieder des Supreme Court der USA sind katholischen Glaubens. Oben v.l.: Brett Kavanaugh, Elena Kagan, Neil Gorsuch, Amy Coney Barrett. Unten v.l.: Samuel Alito, Clarence Thomas, John Roberts, Stephen Breyer, Sonia Sotomayor.

Die USA sind ein mehrheitlich protestantisches Land. Gemäss aktuellen Umfragen der Meinungsforscher von Gallup geben 45% der Amerikaner an, dass sie einer protestantischen Glaubensrichtung ange­hören. Die zweitgrösste Konfession, die Katholiken, kommen mit einigem Abstand nur auf 22%. Genau sie sitzen aber an zentralen Schalthebeln der Macht in der US-Hauptstadt Washington.

US-Präsident Joe Biden ist nach John F. Kennedy erst der zweite Katholik im höchsten Staatsamt. War Kennedys Konfession in dessen Wahlkampf 1960 noch ein Aufreger, war sie bei Biden 2020 praktisch kein Thema mehr. Doch nicht nur im Weissen Haus, auch an der Spitze des US-Parlaments steht mit Nancy Pelosi eine Katholikin. Selbst der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, zählt zur erwähnten Glaubensrichtung.

Kann bei diesen Einzelposten noch von Zufall gesprochen werden, vermutet man angesichts der Herrschaft der Katholiken über die höchste amerikanische Judikative schon eher ein System. Mit sechs von neun Richtern am obersten US-Gericht (Supreme Court) haben hier aktuell mehr Katholiken Einsitz in der Institution, als es jemals Frauen dorthin verschlagen hatte. Mit der Richterin Ketanji Brown Jackson wird alsbald erst die sechste Frau Mitglied des Supreme Court werden.

Namentlich gehören zur katholischen Richterriege: John Roberts, Clarence Thomas, Samuel Alito, Sonia Sotomayor, Brett Kavanaugh und Amy Coney Barrett. Dazu befinden sich zurzeit mit Elena Kagan und Stephen Breyer noch zwei Vertreter des jüdischen Glaubens auf der Richterbank. Letzterer wird allerdings bald durch Brown Jackson abgelöst, die sich als Protestantin bezeichnet. Ebenso wie der neunte im Bunde, Richter Neil Gorsuch, der allerdings im katholischen Glauben aufgewachsen ist.

Das katholische Übergewicht scheint sich momentan beim Streitpunkt Abtreibung auszuwirken – die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zum Thema ist bekannt. Aus dem Supreme Court wurde vergangenen Monat ein Urteilsentwurf nach draussen durchgestochen, wonach die Mehrheit der Richter das Abtreibungsrecht kassieren will.

Gemäss Yonat Shimron, Autor beim Religion News Service, hätten Katholiken in den USA lange Zeit mit religiösen Vorurteilen zu kämpfen gehabt und hätten deshalb vermehrt den Weg in die Jurisprudenz gewählt, um ihre Rechte zu sichern. Auch laut Richard Doerflinger, Ex-Kadermitarbeiter der US-Bischofskonferenz, wo er massgeblich gegen Abtreibung ­lobbyierte, gebe es in den USA eine lange Tradition an Katholiken in der Rechtsprechung. Sie hätten, meint Doerflinger, ­weniger Scheu, dort die Grundsätze des Katholizismus anzuwenden als sehr religiöse Protestanten, die eine schärfere Trennung zwischen Staat und Kirche vornehmen würden.

Dass sich offenbar konservative Katholiken im Supreme Court wiederfinden, hat aber massgeblich damit zu tun, dass die meisten der zurzeit praktizierenden obersten Richter von republikanischen Präsidenten berufen wurden. Die Mehrheit der US-Katholiken gibt dagegen ­gemäss Gallup an, der demokratischen ­Partei nahe zu sein, die gemeinhin für das Recht auf Abtreibung steht. Auch Präsident Biden und Parlamentschefin Pelosi sprechen sich dafür aus. Gemäss dem erwähnten Urteilsentwurf stimmen auch nur vier der sechs katholischen Richter gegen die Aufhebung besagten Rechts.

Während jedenfalls die Katholiken überrepräsentiert sind, ist hingegen eine andere Gruppe so gut wie nicht in Washington vertreten: 21% der Gallup-Befragten geben an, keiner Glaubensrichtung anzugehören. Vor zehn Jahren waren es noch 13%, vor zwanzig nur 8%. Dagegen sagen fast alle Ab­geordneten im US-Parlament gemäss der Gesellschaft Pew Research, dass sie sich mit einem Glauben identifizieren. Hier sind die Katholiken mit 30% dann zumindest nur leicht stärker vertreten als in der breiten Bevölkerung.

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