Aufgefallen in… Wetzikon

Pikante Namenswahl

«Das hebräische Wort ‹Avera› bedeutet wörtlich ‹Übertretung›.

Mit der Namensgebung ist es so eine Sache. Als die russische Gazprom mit der Nigerian National Petroleum Corporation 2009 ein Joint Venture mit dem Namen Nigaz einging, war die Entrüstung im westafrikanischen Staat gross. Nigaz, ein Akronym, mag als Idee auf Papier funktioniert haben, hält aber bereits der ersten Aussprache nicht stand. Dass das Joint Venture trotz Protesten am Namen festhielt, machte das PR-Desaster perfekt. Besser reagierte da schon Mitsubishi. Der japanische Autobauer verpasste seinem Mitsubishi Pajero für den spanischen Absatzmarkt kurzerhand ein Rebranding, nachdem klar wurde, dass besonders die männlichen Spanier nicht hinter dem Steuer eines «Pajero», eines Wichsers, Platz nehmen möchten.

Auch in der Kleinstadt Wetzikon im Zürcher Oberland ist man vor – zugegeben kleineren – Patzern bei der Namensgebung nicht gefeit. Bank Avera, so heisst ab kommendem Jahr die Clientis Zürcher Regionalbank, die ihren Sitz an bester Lage am hochfrequentierten Wetziker Bahnhof hat. Der Austritt aus der Clientis-Bankengruppe hatte das Bankinstitut zu einem Namenswechsel gezwungen. Doch ganz so neu ist der Name nicht. Bertelsmanns «Das grosse Lexikon der Vornamen» widmet Avera als Mädchennamen zwei inhaltsschwere Zeilen: «Hebräischer Ursprung. Bedeutung: Sünderin.»

Das Institut für Judaistik der Universität Bern präzisiert: «Das hebräische Wort ‹Avera› bedeutet wörtlich ‹Übertretung› und ist schon im Talmud gut belegt», sagt Professor Dr. René Bloch, zu dessen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten die Geschichte und Literatur des Judentums gehört. «Im Ursprung bezeichnet es eine religiöse Sünde. Im modernen Hebräisch wird es für allerlei Formen von Übertretungen verwendet, beispielsweise auch für Fouls im Sport.» Unterteilen lässt sich die Avera in Schweregrade, die von einer unabsichtlichen Versündigung (Cheit) bis zur Pesha reichen, einer Handlung, die bewusst gegen Gott gerichtet ist.

Wenn uns die jüngere Geschichte der Finanzwelt etwas gelehrt hat, dann dass Bank und Sünde oft Hand in Hand gehen. Nicht grundlos äusserte der CEO der Bankiervereinigung Jörg Gasser gegenüber FuW kürzlich seine Hoffnung, die Skandale des Schweizer Finanzplatzes mögen weniger werden. Ist die eigenwillige Bezeichnung in diesem Kontext als Menetekel zu deuten? Kommt es im Sündenregister der Finanzindustrie zwischen Gross- und Regionalbanken zur Wachablösung?

Dubiose Offshore-Geschäfte, Beihilfe zur Steuerhinterziehung, Millionen-Boni, faule Kredite: Das alles sucht man in Wetzikon vergebens. Das Geschäft der baldigen Bank Avera ist so untadelig wie risikofrei. Das Institut hat einen sympathischen Auftritt, geniesst in ihrem Wirkungsgebiet einen guten Ruf und unterstützt Vereine wie den Rollstuhlbus Zürcher Oberland oder den regionalen Schneesportclub.

Gut, da war der Fall eines ihrer Prokuristen, der vor knapp zehn Jahren wegen der Veruntreuung von Kundengeldern vor Gericht verurteilt worden ist. Doch rechtfertigt das die Bezeichnung der Bank als Sünderin? Oder spielt der Name vielleicht auf die Filiale am Bahnhof Stadelhofen an, mit der das Institut 2011 den Sprung ins Haifischbecken der Zürcher Finanzbranche gewagt hat? Die Expansion jenseits des Heimmarktes als Sündenfall? Beide Erklärungsversuche überzeugen nicht.

Des Rätsels Lösung lieferte die Clientis Zürcher Regionalbank anlässlich ihrer Generalversammlung Ende Mai. Der Name setze sich aus den italienischen Wörtern «avere» (haben) und «vera» (echt) zusammen. Damit bedeute «Avera» so viel wie «das Echte haben». Gegenüber dem «Zürcher Oberländer» ergänzte die Pressesprecherin der Regionalbank: «Phonetische Ähnlichkeiten und Assoziationen, die von einer Marke ausgehen, waren ebenfalls entscheidend.» Dazu habe man mit einem etablierten Institut zusammengearbeitet. Welches Institut das war, verschweigt der Artikel. Eines ist sicher: Das Institut für Judaistik war es nicht.

, Closing Bell / Aufgefallen in

Leser-Kommentare