Aufgefallen in… Windhoek

Häuser aus Wüstensand

Kein Zement und kein Wasser: Die überdimensionalen Legosteinen bestehen aus Wüstensand und Polyesterharz.

Wüstensand ist als Baumaterial nicht gut geeignet. Die Sandkörner sind zu rund und zu klein, um daraus haltbaren Beton herzustellen. In Brakwater, 20 Kilometer nördlich von Namibias Hauptstadt Windhoek gelegen, hat sich in einem Gewerbegebiet das deutsch-namibische Unternehmen Polycare niedergelassen, das dennoch auf Wüstensand als Baumaterial setzt.

Sand gibt es in Namibia in Hülle und Fülle. Die Atlantikküste wird über 2000 Kilometer von der Wüste Namib gesäumt. Zwischen den Küstenstädten Lüderitz und Walvis Bay erstreckt sich das «Namib-Sandmeer» – Teil des Unesco-Welterbes – mit den angeblich höchsten Dünen der Welt, die sogar Namen tragen. Big Daddy am Rand des berühmten Deadvlei reckt 380 Meter in die Höhe.

Mangel herrscht in Namibia dagegen beim Wasser. Immer wieder kommt es zu anhaltenden Dürreperioden, die der Landwirtschaft zu schaffen machen. Viel Wasser braucht auch Beton. In einem ­Kubikmeter stecken neben Sand und ­­Zement je nach Betonqualität 200 bis 300 Liter Wasser. Polycare kommt dagegen ohne Wasser aus und auch ohne Zement.

Polyblocks heissen die Produkte des Unternehmens, die aussehen wie überdimensionierte Legosteine und auch so zusammengesteckt werden. Sie bestehen zu 90% aus Wüstensand oder einem anderen, leicht verfügbaren Füllmaterial. Als Bindemittel kommen 10% Polyesterharz hinzu. Polymerbeton nennt das Unternehmen diese Mischung, die wie konventioneller Beton in Formen gegossen werden kann und damit eine effiziente Produktion ermöglicht.

Das Harz gewinnt Polycare zum grössten Teil aus recyceltem PET. Daneben arbeitet das Unternehmen an Bindemitteln auf der Basis von nachwachsenden Rohstoffen, die nicht als Lebensmittel verwendet werden können. Polyblocks sind leicht, isolieren gegen Kälte und Hitze, können auch von Laien verarbeitet werden und lassen sich wiederverwenden oder komplett recyclen.

Das erste Haus aus Polyblocks mit einer Wohnfläche von 56 Quadratmetern wurde Ende 2016 in der Siedlung Otjomuise nahe Windhoek gebaut und vom namibischen Präsidenten an eine bedürftige, 8-köpfige namibische Familie übergeben, die zuvor in einer Wellblechhütte lebte. Nach Firmenangaben können solche Häuser von ihren künftigen Bewohnern nach einer kurzen Schulung innerhalb von 48 Stunden selbst errichtet werden. Die Kosten werden mit 340 € pro Quadratmeter angegeben. Material für bis zu 50 Häuser kann Polycare im Monat produzieren.

Jüngstes Vorzeigeprojekt ist ein Kindergarten an der Oshinamumwe Combined School in der nördlich der Etosha-Pfanne gelegenen Gemeinde Omuthiya. Das Gebäude, das im vergangenen Jahr eröffnet wurde, hat vier getrennte Klassenzimmer und ist 244 Quadratmeter gross.

Polycare wurde 2010 als Folge der Erdbebenkatastrophe in Haiti gegründet. Die Gründer Gerhard Dust und Gunther Plötner waren auf der Suche nach einem System, das es erlaubt, mit einfachsten lokalen Materialien und ohne schweres Gerät bezahlbare, langlebige und komfortable Häuser in Eigenarbeit zu bauen. Die erste Produktions- und Forschungsstätte entstand in einer ehemaligen Glasfabrik im thüringischen Gehlberg.

Im August 2017 wurde PolyCare Research Technology Namibia in Windhoek gegründet. Dieses Joint Venture mit lokalen Bauunternehmen und einer Investmentgruppe der Regierungspartei hat die Produktionsanlage Brakwater gebaut, die im Frühjahr 2018 in Betrieb ging. Auch in Südafrika hat PolyCare mittlerweile eine Zweigstelle gegründet.

An ihrem Entwicklungsstandort in Gehlberg arbeitet Polycare mit der Bauhaus-Universität Weimar, der Technischen Universität Ilmenau und der Universität München zusammen, um Polyblocks in Zukunft noch wirtschaftlicher und vor allem umweltfreundlicher herstellen zu können.

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