Aufgefallen in… Zernez

Ein einsamer Park

Der Schweizerische Nationalpark hat einen Teil seiner Fläche einem Virus zu verdanken: 1909 fiel für die Bauern in ­Zernez aufgrund der Maul- und Klauenseuche das Einkommen aus der Übersommerung italienischer Schafe weg. Die finanziellen Einbussen begünstigten die Verhandlungen mit Naturschützern, die für ein neuartiges Schutzgebiet im östlichsten Eck der Schweiz Land sichern wollten. Am Nationalfeiertag fünf Jahre später wurde der Parc Naziunal Svizzer, wie er im Engadin genannt wird, offiziell gegründet. Somit ist er der älteste Nationalpark der Alpen und Mitteleuropas.

Das macht die Schweiz zur Pionierin im Schutz der Tier- und der Pflanzenwelt. Doch es blieb bei diesem einen Park. «Es ist nicht selbstverständlich, dass es einen Ort in der Schweiz gibt, in dem die Natur Priorität hat», sagt Hans Lozza, Kommunikationsverantwortlicher des Parks, und fügt hinzu: «Ein Projekt wie der Nationalpark wäre heute gar nicht mehr möglich.» Das zeigt die jüngste Geschichte: Vor knapp zwei Jahrzehnten wurden sechs Projekte zur Schaffung zusätzlicher Nationalparks lanciert. Davon reiften nur zwei so weit heran, dass sie in den betroffenen Gemeinden zur Abstimmung gelangten.

Im Herbst 2016 scheiterte der Parc Adula im Grenzgebiet Tessin-Graubünden an der Urne, eineinhalb Jahre später wurde auch das Projekt Locarnese im ­Tessin abgelehnt. Die regionale Bevölkerung stemmte sich gegen ein nationales Schutzgebiet, obwohl die Auflagen weniger streng gewesen wären als im bereits existierenden Park.

Lozza bedauert das sehr: «Aus Sicht der Natur wäre es wichtig, mehrere Orte in der Schweiz zu haben, an denen die Natur sich selbst überlassen wird.» Das ist einer der Grundsätze des Parks: keine menschlichen Eingriffe. Auf den gut 170 km2 ­werden weder Bäume gefällt, noch wird Totholz abtransportiert, Wiesen bleiben ungemäht, es herrscht striktes Jagdverbot. Menschen dürfen kein Feuer entfachen und müssen auf den Wegen bleiben, mehrere der über zwanzig Täler sind für sie ganz gesperrt. Die Vielfalt der Natur kann jedoch von 100 km Wanderwegen aus ­bewundert werden.

 Die Tiere sind weniger scheu als in Gebieten, in denen sie gejagt werden. So wird fast jeder Besucher Zeuge unvergesslicher Naturszenen: ein Bartgeier, der über den Bäumen kreist, Steinböcke, die durch die Felswand klettern, eine Murmeltierfamilie, die auf der Alpweide herumtollt. Wer im Herbst unterwegs ist, kann zudem den eindrücklichen Brunftkampf zwischen Rothirschen miterleben.

Diese Naturereignisse ziehen jährlich 120 000 bis 150 000 Besucher in den Park – allerdings nur in den warmen Monaten, ab dem ersten kräftigen Schneefall herrscht strikte Wintersperre. Dann stört einzig noch der Verkehr auf der Ofen­passstrasse, die sich einmal quer durch den Park schlängelt, die Ruhe. «So können die Tiere ungestört überwintern», erklärt Lozza, das sei «ein zentrales Element zum Schutz der Natur».

Das ganze Jahr offen bleibt das Nationalparkzentrum in Zernez. Es bringt den Besuchern Flora und Fauna des Schutz­gebiets näher und vertieft damit den ­Informations- und Bildungsaspekt des Parks. So erfahren sie beispielsweise, dass das Gebiet seit 1979 ein Unesco-Bio­sphärenreservat ist und dass ein Drittel der Fläche Wald, ein Fünftel alpine Matten und der Rest vegetationsfrei ist – Geröll, Fels und Hochgebirge.

Wann diese prachtvolle Natur der Öffentlichkeit jeweils zugänglich gemacht wird, variiert von Jahr zu Jahr. Entscheidend sind die Schneeverhältnisse. Vergangenes Jahr konnten einige Wege erst im Juni geöffnet werden. Dieses Jahr werde es bestimmt früher, sagt Lozza, «vielleicht schon Ende April». Je nachdem, wie der Bundesrat die weiteren Schutzmass­nahmen zur Eindämmung der Coronapandemie ausgestaltet, könnte es allerdings doch später werden. Dann bleiben die Parkbewohner noch eine Weile länger unter sich.

 

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