Aufgefallen in… Zürich

Leben ohne Hindernisse

Manchmal braucht es den Blick von Aussen, um das Offensichtliche zu sehen. So ergeht es dem abgestumpften Bewohner der Zürcher Goldküste, wenn er Besuch aus dem Ausland erhält. Denn ohne die regelmässigen Hinweise des autobegeisterten Gastes fiele die hohe Dichte von grossen, teuren und rundum unvernünf­tigen Fahrzeugen längst nicht mehr auf. Die Blechlawine, die sich täglich aus den ­Nobelvororten zwischen Zollikon und Meilen in die Stadt ergiesst, ist deutlich teurer und verbraucht viel mehr Sprit als der Verkehr auf anderen Strecken.

Selbst vor diesem Hintergrund fällt eine Kategorie von Personenwagen besonders auf: Auf den gepflegten Strassen der Gemeinden mit Seeanstoss sind, so scheint es, überdurchschnittlich viele Geländewagen unterwegs, die eigentlich für raueres Terrain konzipiert wurden.

Es ist hier nicht die Rede von sogenannten Sport Utility Vehicles (SUV), die mit einem Geländewagen ähnlich viel zu tun haben wie eine französische Bulldogge mit einem Wolf. Neben unzähligen SUV-Modellen wie dem Audi Q5 oder dem BMW X5 und den unvermeidlichen Porsche Cayenne stehen auch Autos im morgendlichen Stau vor dem Bellevue, für die ein mittlerer Fluss kein Hindernis darstellen würde.

Besonders auffällig ist die G-Klasse von Mercedes-Benz. Das kantige Gefährt sieht auch nach vierzig Jahren in Produktion dem eigenen militärischen Vorfahren noch sehr ähnlich. Drei zuschaltbare Differenzialsperren sorgen dafür, dass der Wagen auch weiterfährt, wenn nur noch ein Rad Halt findet. Mit dem Untersetzungsgetriebe lassen sich Steigungen von 45° befahren; Elektronik und Motor sind so angelegt, dass Gewässer von bis zu 70 cm Tiefe kein Problem darstellen. Kein Wunder, gilt der für die Deutsche Armee entwickelte Geländewagen als bestes in Serie produziertes Offroad-Fahrzeug.

Ebenfalls grosser Beliebtheit erfreuen sich klassische Modelle des Land Rover Defender. Dieser ist zwar in der Ausstattung weniger luxuriös, wird dafür seit 2016 nicht mehr produziert, was zusätzlich für Exklusivität sorgt. Doch der Reiz dieser Autos liegt ohnehin nicht im Komfort – die geländetauglichen Stossdämpfer übertragen jede Bodenwelle direkt aufs Rückgrat des Fahrers. Es ist das verwegene Gefühl, wirklich überall weiterfahren zu können, das zum Kauf verleitet – auch wenn es in der Schweiz so gut wie keine öffentlichen Strecken gibt, auf denen ein Kombi mit Allradantrieb nicht reichen würde.

Dass Gefühle oft mehr zählen als Tat­sachen, haben die vergangenen Monate einmal mehr verdeutlicht. Geschlossene Grenzübergänge und Flughäfen schränkten den Bewegungsradius ein. Die freiheitsliebende Geländewagenfahrerin trifft das wohl noch etwas mehr als den Durchschnitt der Bevölkerung. Und die Besitzer der Offroader haben reagiert: Unter dem Eindruck geschlossener Hotels und Grenzen haben sie ihre Maschinen zusätzlich aufgemotzt. Seit diesem Frühling lässt sich eine Zunahme der Modelle beobachten, die vom blossen Geländewagen zum Expeditionsfahrzeug aufgerüstet wurden.

Das auffälligste Element dieser Entwicklung sind die Dachzelte. Damit wird aus dem blossen Fortbewegungsmittel ein rudimentäres Heim auf Rädern, welches im Fall des Gesellschaftskollapses in ­sicherer Distanz von Plünderern, Krankheitsträgern, überhaupt der Zivilisation für ein trockenes Bett sorgt.

Im Kleinen folgen die Geländewagenfahrer der Zürcher Goldküste damit einem Trend, dessen bekannteste Vorreiter im ­Silicon Valley zu finden sind. So ist vom ­libertären Tech-Milliardär Peter Thiel ­bekannt, dass er für den Fall der Fälle ein ­abgeschiedenes Anwesen in Neuseeland gekauft hat, zusammen mit der dortigen Staatsbürgerschaft. Für derart gründliche Vorbereitungen blieb heuer in der Schweiz keine Zeit. Mit dem Aufrüsten ihrer Fahrzeuge haben aber zumindest einige hierzulande einen Hinweis darauf geliefert, dass sie das gesellschaftliche Gefüge für instabil halten.

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