Aufgefallen in… Zürich

Stadtgeflüster 1.0

Trotz Sozialen Medien immer noch en vogue: Reisserische Aufkleber prägen das Zürcher Stadtbild und buhlen um die Aufmerksamkeit der Passanten.

Die Welt zwitschert und postet wie nie zuvor. 1,8 Mrd. Menschen nutzen täglich Facebook, 500 Mio. Menschen Instagram, knapp 265 Mio. sind es bei Snapchat, 200 Mio. bei Twitter. Die Flut von Bildern, Nachrichten, Likes und Herzen, die dabei produziert werden, ist unermesslich. Für politische Kampagnen, Produktmarketing oder den Dialog mit Fans führt nichts an den sozialen Medien vorbei. Doch während analoge Kommunikationskanäle unter der erdrückenden Macht der Bildschirmnutzung regelrecht eingehen, hält sich einer doch seit Jahren wacker: der Aufkleber.

Klein, mal rund, mal quadratisch, laut in der Sprache, leise im Auftritt: Zürichs Strassen sind übersät von Stickern, die um die Aufmerksamkeit von Passanten buhlen. Für vegane Ernährung, gegen Diskriminierung, für Revolution, gegen die Polizei, «Make Love, not CO2» – und nach dem Akt bitte «Juso wählen». Skandiert ein blau-weisser Kleber des FCZ-Fantrupps «Züri isch ois», es könnte angesichts ihrer Präsenz auch von Aufklebern die Rede sein.

Die leise Einflussnahme im Vorbeigehen, die geballte Meinungsmache auf allen paar Metern Strasse, sie ist immer noch en vogue. Das Stadtgeflüster 1.0, in Zeiten von Facebook & Co. ein Anachronismus, gehört zum Stadtbild wie Grossmünster und Frauenbadi. Dabei schaffen es selbst brandaktuelle Themen immer noch auf die Pinnwand der Strassen. Jüngst auch Corona. Gegner der staatlich verordneten Massnahmen fordern mit Aufklebern zu Ungehorsam auf, Verschwörungstheoretiker manifestieren ihr Weltbild der diktierenden Regierung auf 100 cm2 Kunststoff. Dabei kämpfen die Metallpfosten und Brückenpfeiler der Stadt mit denselben Problemen wie die sozialen Medien. Reichweite erzielt, was extrem ist und sich oft wiederholt. Eingequetscht zwischen dem Hinweis auf ein neues Musikalbum und dem Aufruf zur Demo am 1. Mai ist für Diskurs und Konsensbereitschaft kein Platz.

Dass Corona dem Medium Aufkleber nochmals einen Schub gegeben hat, bestätigt man beim Zürcher Ableger der deutschen Onlinedruckerei Flyeralarm. Die Nachfrage habe zugenommen, heisst es beim Unternehmen. Wenn auch vor allem Sticker bestellt werden, die konstruktiv auf die Massnahmen aufmerksam machen. Flyeralarm hat längst reagiert und unter der Rubrik «Corona» Vorlagen für Warnhinweise bereitgestellt. Das Sujet «Bitte Abstand halten» schlägt im Vergleich zu den Strassenvarianten einen erfrischend zurückhaltenden Ton an.

Leidtragende der hohen Nachfrage nach Aufklebern ist die Stadtreinigung. Dabei hätte sie das Recht auf ihrer Seite. «Das unbefugte Anbringen von Klebern gilt als Sachbeschädigung», heisst es bei der Stelle auf Anfrage. Nur, zu Anzeigen kommt es kaum, stattdessen werden die Kleber in periodischen Putzaktionen, meist von Freiwilligen, entfernt. Bis die freigemachten Flächen wieder in Beschlag genommen werden, dauert es in der Regel nicht lange. «Demonstrationen sind Garanten für viele Kleber», sagt Tobias Nussbaum, Mediensprecher bei der Stadt Zürich. «Auch im Vorfeld emotionaler Abstimmungen nimmt die Menge zu.»

Die Demonstrationen rund um den 1. Mai versprechen wieder Farbe auf die metallgrauen Kandelaber und Abfallkübel zu bringen. Die Halbwertszeit einer solch ereignisbezogenen Kleberflut ist allerdings klein. Sind sie erst einmal entfernt, tauchen die Sujets in der Regel so schnell nicht mehr auf. Den coronakritischen Parolen droht in einer pandemiefreien Zukunft hoffentlich dasselbe Schicksal. Was die Jahre überdauert, sind die Kleber von Sportvereinen. Anders als die meisten Sticker auf öffentlichem Grund dienen sie weniger der Meinungsmache als der direkten Kommunikation zwischen Fans und konkurrierenden Clubs. In Zürich stecken GC- und FCZ-Fans mit den Aufklebern ihr Revier ab. Zumindest rund um den Hauptbahnhof Zürich ist das Kräfteverhältnis klar: 1:0 für den FCZ.

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