Aufgefallen in… Zürich

Mitbewohner Fuchs

Der Fuchs ist ein ständiger Bewohner unserer Städte geworden. Anders als seine Artgenossen auf dem Land traut er sich auch schonmal tagsüber ins Freie.

Ein nächtlicher Schrei lässt den friedlichen Schläfer aus dem Bett fahren. Es klingt, als hätte ein Mensch in tiefstem Schmerz aufgeschrien. Ein besorgter Blick geht aus dem Fenster über die friedliche Einfamilienhaussiedlung am Zürcher Stadtrand. Dann eine Bewegung. Unter dem Licht der Strassenlaterne hindurch huscht eine elegante Gestalt. Schmale, lange Schnauze, buschiger Schwanz, rotes Fell. Ein Rotfuchs.

Die Märchen nennen ihn Meister Reineke, die Lateiner Vulpes. Er ist ein kaum bekannter Zeitgenosse auf dem Zürcher Siedlungsgebiet, aber einer, der seit Jahrzehnten unser Mitbewohner ist. Und ja, von ihm stammt der markerschütternde Schrei (siehe bzw. höre folgendes Video).

Auf Anfrage bestätigt die Stadtpolizei Zürich, dass es auch schon zu Anrufen besorgter Bürger ob des nächtlichen Gebrülls gekommen sei. Doch dieses Tier hat keinen Menschenschmerz. Je nach Jahreszeit drückt es damit füchsische Paarungsbereitschaft, Vorsicht, Angst oder Abwehr aus. Einst fragte das bekannte Lied der norwegischen Gruppe Ylvis «What does the Fox say?». In Zürich wissen wir die Antwort darauf.

Hier gehört der Fuchs zu uns wie die Singvögel im Gartenbaum oder der Igel im Laub. Denn dieser Meister Reineke hat sich nicht des Nachts aus dem Wald in die Stadt verirrt. Er lebt hier, ist hier geboren und aufgewachsen. Wie seine Eltern vor ihm wird er seine Kinder hier aufziehen, und er wird hier sterben. Die Stadt Zürich schätzt grob, dass im Siedlungsgebiet heute rund tausend Füchse leben.
Gemäss Studien gehen unsere Zürcher Stadtfüchse auf einige wenige ­Gründertiere zurück. Sie sind sogenannte Kulturfolger. In der Nähe des Menschen finden die Allesfresser seit Jahrzehnten auf den Komposthaufen von Einfamilienhäusern und Schrebergärten ein Buffet wie im All-Inclusive-Urlaub.

Auch Spielzeug, Schuhe und kleine ­Gerätschaften, lose im Garten gelassen, werden von Vulpes gerne okkupiert und seinen Jungen zum Spielen an den Bau ­gebracht. Aufzucht ist wie beim Menschen oft Gemeinschaftssache. Denn auch wenn die Hip-Hop-Gruppe Beginner einst postulierte, «Füchse sind gar keine Rudeltiere», leben sie oft in Familienverbänden zusammen. Bei der Erziehung helfen Tanten, Onkel und Grosseltern mit.

So ist der Fuchs eine der anpassungs­fähigsten Tierarten unseres Planeten. Man findet ihn in Halbwüsten, in der Tundra, im Hochgebirge oder an der Küste. Er ist das weltweit am meisten verbreitete Raubtier. Selbst auf Island, nahe dem Polarkreis, wo nicht einmal mehr Stechmücken überleben, ist das grösste land­lebende Raubtier der kleine Polarfuchs.

Auch in Zürich hätten, wie FuW erfahren hat, noch viel mehr Füchse Platz. Die Population ist bei weitem nicht ausgereizt. Doch die Stadt ist eben auch gefährlich. Füchse werden hier überfahren, in von Menschen gebauten Konstruktionen eingeklemmt, kommen zu Tode, wie sie es in Wald und auf dem Land nicht würden. Zudem regulieren sich Fuchspopulationen selbst. Kommen in einer Generation viele Füchse auf die Welt, bleiben in der nächsten mehr Weibchen unfruchtbar. Dazu grassieren wie beim Menschen hartnäckige Krankheiten, wie die Räude, die Staupe, der Bandwurm oder die Tollwut.

Angst müssen wir Stadtzürcher deswegen vor unserem nachtaktiven Nachbarn keine haben. «Ein grundsätzliches Problem mit den Füchsen gibt es in der Stadt Zürich nicht», teilt die Gemeinde auf ­Anfrage mit. Sie greifen Menschen nicht an, selbst vor Katzen nehmen sie Reissaus. «Geniessen Sie die Begegnung», schreibt die Stadt auf ihrer Internetseite. «Nähern Sie sich ihm nicht an, und warten Sie, bis er abgezogen ist.» Und wenn einmal eine Füchsin mit ihren Jungen einen Unterschlupf in Ihrem Garten bewohnt, dann lassen Sie sie einfach in Ruhe oder «melden Sie dies dem zuständigen Wildhüter».

So kann der Stadtzürcher nach nächtlichem Schreck beruhigt schlafen. Im Wissen, dass Mitbewohner Fuchs am Morgen das Gleiche tun wird.

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