Aufgefallen in… Zürich

Arme an erster Stelle

An der Europaallee verteilen Schwester Ariane und Pfarrer Wolf über hundert Mahlzeiten.

Wer an die Schweiz denkt, dem kommen Begriffe wie Reichtum, Wohlstand oder überteuerte Waren in den Sinn. Dass das nicht nur Klischees sind, zeigen regel­mässig Studien rund um die Lebensqualität und die Lebenshaltungskosten. Die Schweiz als Land oder Grossstädte wie ­Zürich und Genf belegen dabei immer die vordersten Plätze.

Doch auch hierzulande gibt es Armut. Und die Coronakrise hat die Situation nochmals drastisch verschärft. Wahr­nehmen kann man das jeden Tag an der Zürcher Europaallee – genau in dem neuen Stadtteil direkt am Hauptbahnhof, der für über 1 Mrd. Fr. errichtet wurde und wo eine Monatsmiete von 4000 Fr. für eine 4,5-Zimmer-Wohnung vergleichsweise günstig ist.

An der reichen Europaallee spürt man tatsächlich Armut. Man muss nur genau hinsehen. Seit mehreren Monaten gehen Schwester Ariane und Pfarrer Karl Wolf vom Verein Incontro regelmässig durch dieses Quartier. Sie wollen dabei nicht mit Passanten über ihren Glauben sprechen. Sie sind auch nicht nur zu zweit unterwegs. «Jeden Abend werden wir von fünf bis sechs Freiwilligen begleitet», sagt Wolf.

Zusammen schieben sie mehrere Wagen mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Schutzmaterialien durch das Langstrassenquartier. Dabei führt ein Teil der Route über die Lagerstrasse und den ­Gustav-Gull-Platz bis zu einer Seitengasse der Europaallee. Dort warten bedürftige Menschen bereits mehrere Minuten – manche auch schon eine halbe Stunde. Alle stehen sie Schlange, mit Masken und dem nötigen Abstand.

Wenn Schwester Ariane, Pfarrer Wolf und ihre Helfer ankommen, herrscht pure Freude. Das ist in den Gesichtern der ­Anwesenden leicht zu erkennen. Denn wie Schwester Ariane unlängst in einem Podcast mit SRF gesagt hat, «geht es um mehr als bloss das Verteilen von dringend benötigten Mahlzeiten. Wir versuchen, für jeden Einzelnen da zu sein. Bei uns ist niemand eine Nummer.»

Ein Blick in die Seitengasse unterstreicht ihre Aussage. Man spricht, lacht und diskutiert miteinander. Inzwischen kennen Schwester Ariane und Pfarrer Wolf auch die persönlichen Sorgen und die Gründe, weshalb die Menschen die Hilfe des Vereins Incontro in Anspruch nehmen. Wolf bestätigt das: «Wir wollen mit allen, die zu uns kommen, eine Freundschaft führen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Das ist unser Motto.»

Schwester Ariane zusammen mit Pfarrer Wolf. (Bild: Incontro/ZVG)

Seit drei Jahren ist der Verein Incontro auf der Gasse im Langstrassenquartier unterwegs. Mit der Coronakrise ist die Mitgliederzahl exponentiell gewachsen. «Inzwischen zählen wir über zweihundert freiwillige Helfer. Die Personen kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und Überzeugungen zu uns», erzählt Wolf.

Ohne Freiwillige wäre an einen täglichen Dienst gar nicht mehr zu denken. Das erklärt sich mit der Zahl an Mahl­zeiten, die der Verein inzwischen verteilt. «An der Europaallee haben wir im Sommer zehn bis fünfzehn Portionen pro Tag verteilt. Heute sind es über hundert. Nochmals rund hundert geben wir auf der Langstrasse ab.»

Pfarrer Wolf macht seine Arbeit aus derselben Überzeugung wie Schwester Ariane. «Wenn ein Mensch Not sieht, erhält er einen Impuls. In diesem einen kurzen Augenblick stellt sich die Frage, ob ich dem nachgehe oder es ignoriere.» Für die beiden ist die Antwort klar, da sie ihre ­persönliche Überzeugung mit der spirituellen Inspiration gleichsetzen.

Nun steht Weihnachten vor der Tür. Für viele ist es das Fest der Liebe. Für andere sind die Tage mit Stress verbunden, während sich die Kinder auf tolle Geschenke freuen. Dabei geht manchmal vergessen, dass für einige bereits eine Mahlzeit ein Geschenk darstellt. Wolf wünscht den ­Obdachlosen und den unter Armut leidenden Personen vor allem eines: «Jeder Mensch soll als solcher wahrgenommen werden und jemanden finden, der ihm zuhört, mit ihm spricht und seine Anliegen ernst nimmt.»

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