Aufgefallen in… Zürich

Manegger Tafel

Der Verein Essen für Alle ist seit August vergangenen Jahrs in einer Industriehalle in Manegg tätig. Seit dem Ukrainekrieg ist die Zahl der Bedürftigen sprungartig gestiegen.

Wer an einem Samstag im Zug der Sihltalbahn bei der Station Manegg aussteigt, dem wird auffallen, dass es am Perron schon mal eng werden kann. Wider Erwarten, denn an der anziehenden Infrastruktur des als Greencity bekannten Viertels liegt es definitiv nicht. Das Zürcher Stadtentwicklungsgebiet Manegg um die ehemalige Papierfabrik an der Sihl fällt durch eine hohe Dichte an Betonbauten im Le-Corbusier-Chic auf. Ansonsten: mehr­heitlich leerstehende Bürogebäude, viele Baustellen. Was es noch nicht gibt: einen Supermarkt, eine Apotheke, Geschäfte des täglichen Bedarfs.

Während bei den Spielplätzen der Wohnblöcke der Genossenschaften allwöchentlich die Lieferwagen von Coop, Migros und Co. zufahren, hat sich vor einer der alten Fabrikhallen eine lange Schlange gebildet, die sich einmal ums Gebäude herum windet. Im August 2021 hat der Verein Essen für Alle in einer Lagerhalle in Manegg Station bezogen. Für jeden, der sich am Samstag anstellt, wartet eine Tasche voller Lebensmittel – von Tomaten, Eiern, Öl über Reis bis zu Hygieneprodukten.

Manche Gegenstände werden dem Verein kostenlos überlassen, anderes wird zugekauft, erzählt Gründer und Initiator Amine Diare Conde. Conde, selbst ein ­Ex-Sans-Papier aus Guinea, weiss, wie schwer es ist, mit weniger als 1000 Fr. im Monat auszukommen. «Menschen mit Aufenthaltsstatus F bekommen weniger als 500 Fr. zum Leben», rechnet er vor. «Menschen stellen sich nicht zum Spass dreieinhalb Stunden an und nehmen oft noch bis zu drei Stunden Fahrzeit in Kauf.» Die Bezüger kommen mittlerweile aus der ­gesamten Schweiz – eine grosse Mehrheit ukrainische Flüchtlinge, mehrheitlich Frauen. Tendenz steigend.

Waren es Ende Februar noch knapp 700 Familien, an die am Samstag Pakete ausgegeben wurden, waren es Ende April bereits 1435 Personen und vergangene Woche 1802 Personen, die in Plastik­säcken Essen nach Hause tragen. Allein aus dem Kanton Bern sind am vergangenen Samstag mehr als 300 Leute gekommen, auch aus Uri und Graubünden reisen Menschen an. Dasha aus der Stadt Charkiw wartet mit ihren Kindern Misha und Hannah trotz Nieselregens. Zu dritt muss die Familie, die im Kanton Zürich untergebracht ist, mit 1200 Fr. auskommen, der Vater kämpft in der Ukraine. Sie sind mittlerweile am Ende der langen Schlange ­angelangt.

Eine Ukrainerin beschwert sich, weil eine Freiwillige ein Foto mit dem Smartphone gemacht hat, will plötzlich die Polizei holen. Anonymität wird geschätzt, auch wenn sich jeder, der zum ersten Mal hier ist, registrieren lassen muss. Conde ist diplomatisch, versucht die Situation zu entschärfen und auch die ukrainischsprechende Helferin in Schutz zu nehmen. Über 150 Freiwillige erhalten in drei Schichten den Betrieb aufrecht. Knapp 16 bis 20 Tonnen Lebensmittel gehen pro Samstag weg, Nahrung im Wert von ca. 40 Fr. pro Person. Gleichzeitig ist das eingekaufte Essen seit Kriegsbeginn auch teurer geworden: Reis ist von 1.60 Fr. pro Kilo auf 2.10 Fr. gestiegen, wie Conde erklärt. Das eigentliche Hauptproblem sind jedoch die Benzinkosten, denn die teils kostenlosen Lieferungen und Sachspenden müssen erst einmal nach Manegg transportiert werden.

Im Lager hinter der Essensausgabe, wo sich am späten Nachmittag bereits die leeren Schachteln stapeln, hat der Verein mehrere Tonnen Reis auf Vorrat angekauft, die noch nicht bezahlt sind – als Vorsorge. «Wir können die Leute ja nicht mit leeren Händen wegschicken, wenn sie drei Stunden gewartet haben.» Auch wenn sich das Angebot an alle richtet und die ukrainischen Flüchtlinge gezielt angesprochen werden: Ganz glücklich ist auch Gründer Conde seit dem sprungartigen Anstieg an Menschen nicht. «Wenn man die Leute hier empfängt, muss man sich überlegen, wie sie versorgt werden», so Conde. Sein Verein erhält weder von Stadt, Kanton oder Bund finanzielle Zuwendungen. Explizite Forderungen an die Behörden will er aber nicht stellen. «Jeder kann etwas tun.»

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