Aufgefallen in… Zürich

Plötzlich pulsiert die Allee.

Der Teich – samt Wasserspiel – am Gustav-Gull-Platz ist der eigentliche Kern der Europaallee.

Europaallee. Manchmal genügt ein Wort, um Emotionen zu wecken. Viele ­Menschen haben sich eine Meinung zum neuen Zürcher Stadtteil gebildet – ­manche sogar, bevor er überhaupt fertiggestellt wurde. Die Europaallee sei kalt und ­abweisend, protzig und gesichtslos und werde bestimmt nicht belebt sein. Das war der Tenor unter der Bevölkerung.

Auch die grossen Medienhäuser beteiligten sich am Europaallee-Bashing. Als Baumonster, als Betonwüste oder als ­klinisch toter Architekturzombie wurde sie definiert. Kritisiert wurde sie ausserdem deshalb, weil sie keine Lauben hat, wie man das insbesondere aus italienischen Grossstädten kennt. Die «Neue Zürcher Zeitung» bemängelte zudem, dass die Bauten trotz einer Vielzahl renommierter Architekten doch recht einheitlich geworden seien.

Seit diesem Frühling ist die Europa­allee fertiggestellt. Die letzten Puzzleteile waren der Negrellisteg, der die Stadtkreise vier und fünf verbindet sowie die Bridge – das jüngste Vorhaben der Migros. Über 1 Mrd. Fr. hat der neue Stadtteil zwischen Hauptbahnhof und Lagerstrasse, zwischen Sihlpost und Langstrasse gekostet. Nach einer elfjährigen Bauzeit sind auf einer Nutzfläche von 235 000 m² rund 8000 Arbeitsplätze, 400 Wohnungen, 170 Hotelbetten, 4800 Studienplätze, zwei öffentliche Plätze (Europa- und der Gustav-Gull-Platz), eine Brücke sowie unzählige Gastronomiebetriebe entstanden. Eigentlich hätte der neue Stadtteil bereits im vergangenen Jahr eingeweiht werden sollen. Wegen des Coronavirus wurde aus dem geplanten gigantischen Eröffnungsfest im September 2020 allerdings nichts.

Doch wer glaubt, dass es einen solchen Event gebraucht hätte, um die Europa­allee in der Bevölkerung bekannt und ­beliebt zu machen, täuscht sich. Denn spätestens nach dem Entfernen der letzten Baugerüste zeigt sich, wie das Leben hier pulsiert. Die Kritik ist verstummt. Menschen, so weit das Auge reicht – egal ob regnerisch oder sonnig, ob kühl oder warm. Es wird debattiert, gelacht, fotografiert, gefilmt, flaniert, ­gerannt, getrunken und gegessen. In den Erdgeschossen gibt es praktisch überall was zum Knabbern. Ein Restaurant sticht dabei besonders her­aus. Sieben Tage in der Woche ist die von der Gastrogruppe von Fredy Wiesner geführte koreanische Gaststätte geöffnet, und zu jeder Tageszeit ist sie gut gefüllt. Das dürfte nicht nur am Essen liegen, ­sondern auch an der einmaligen Lage.

Das Restaurant liegt wie der in wenigen Tagen eröffnende Biergarten direkt am Gustav-Gull-Platz, dem eigentlichen Kern der Europaallee. Ein rund 400 m² grosser Teich mit Wasserspiel ziert diesen Platz. Wer mit etwas Glück einen Tisch direkt am Wasser ergattert, erhält zum Essen oder zum Feierabendbier für einen Abend einen Hauch Ferienstimmung gratis dazu. Wenn dann auf der anderen Seite des­ ­Wassers eine Musikerin spontan ein Konzert gibt, dann ist der Alltagsstress schnell verflogen. Das Wasserbecken ist aber auch ohne Konsumationszwang geniessbar. Und das tun Menschen aller Alters­gruppen. Während die Kinder im Wasser planschen, sitzen die Eltern direkt am Ufer auf den Holzbänken.

Andere Erwachsene fahren mit ihren Velos durch das bis zu 20 cm tiefe Wasser und versuchen dabei, nicht nass zu werden. Doch nicht nur Menschen nehmen das Wasser in Anspruch. Jüngst war darin sogar eine Entenfamilie zu Hause. Tiere sind im neuen Stadtteil ohnehin beliebt. Hunde aller Rassen werden von ihren Herrchen durch die Allee geführt. Von einem Bernhardiner über einen hippen Nackthund, alles ist hier zu sehen.

Auch Tiere sind an der Europaallee wohnhaft. (Bild: Carlo Emanuele Frezza)

An der Europaallee sind aber auch Lebewesen wohnhaft, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. Auf den ­Dächern der bis zu 54 Meter hohen ­Gebäude, wo man einen wunderbaren Blick auf den Zürichsee und die Glarner Alpen hat, sind verfaulende Holzbeigen abgelegt, um Insekten aller Art einen Unterschlupf zu bieten.

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