Aufgefallen in… Zürich

Manga-Mania

Für die Mangas und Animes von Jeeg nehmen Kundinnen und Kunden lange Wartezeiten in Kauf.

Es scheint wie ein Anachronismus in Zeiten von Onlineversand und E-Books: In Zürich stehen sie tagtäglich an, nicht für Hipster-Kaffee, nicht für Luxushandtaschen, sondern für Bilderbände. Genauer gesagt für Mangas – und Animes. An der Grüngasse steht der einzige Shop für die japanischen Comics und Zeichentrickfilme der Stadt – «nein, der Schweiz!», präzisiert eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern an diesem kalten Aprilvormittag aus Solothurn angereist ist. Tatsächlich ergibt eine kurze Internetsuche nur eine Handvoll Läden im Land, die aus Laiensicht vergleichbar sein könnten. So oder so ist der Laden im Herzen Zürichs aber einzigartig: Hier gibt es sowohl Animes und Mangas als auch Merchandising-Produkte wie Sammelfiguren und Poster. «Krimskrams», sagt ein junger Mann lachend. Er komme regelmässig wegen der riesigen Auswahl.

Gegründet wurde Jeeg Manga Anime 2002, damals noch in einem kleineren ­Ladenlokal an der Birmensdorferstrasse. Dort wimmelte es in pandemiefreien Zeiten mittwochs und samstags. Der Erfolg und der laufende Ausbau der Angebots­palette zwangen den Gründer und die Partner vor viereinhalb Jahren zum Umzug. Sie sind gemäss Homepage Fans der japanischen Popkultur und betreiben das Geschäft noch heute selbst. Als Mangas werden hierzulande meist nur aus Japan stammende Comics bezeichnet, doch ist die Abgrenzung nicht ganz klar. Die erste Silbe des Wortes wird mit «spontan» oder «skurril» übersetzt, kann aber auch «unmoralisch» bedeuten. Die zweite steht für «Bild». Animes sind das Pendant in Bewegtbild. Typisch für beide Formate ist die kindliche Darstellung der Figuren, unter anderem mit ihren grossen Augen. Die Geschichte wird filmartig erzählt, oft ist der Übergang zwischen realitätsnahen Darstellungen und der Fantasie entsprungenen Figuren fliessend.

In Japan haben die Comics eine lange Tradition. Sie machen etwa ein Drittel ­aller japanischen Druckerzeugnisse aus. Einige Serien haben eine Auflage von weit über hundert Millionen Stück. Nach einem Rückgang in den Nullerjahren erleben Mangas und Animes ein kleines Revival. Ganz offensichtlich nicht nur in Japan. «Fast alles haben sie hier», sagt einer der Teenager in der Schlange. Fast alles? Gemäss Angaben auf der Homepage von Jeeg hätten sie praktisch jeden auf Deutsch verfügbaren Manga-Band auf Lager. «Hier können die Kinder in den Büchern blättern», sagt die Mutter aus Solothurn. Ein weiterer Vorteil des physischen Shops gegenüber dem Onlinehandel.

Dafür nehmen viele eine lange Wartezeit in Kauf: Schon kurz nach Ladenöffnung stehen zehn bis zwölf Fans vor dem Eingang. Wegen der Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie dürfen sich derzeit immer nur ein paar ­wenige gleichzeitig zwischen den hohen Regalen mit Büchern, Spielkarten und Fanartikeln aufhalten. Sie warteten schon seit gut einer halben Stunde, sagt die Mutter. «Aber jetzt geht’s gleich los.» Es sei immerhin besser als am Samstag, da könne die Wartezeit schon mal zwei Stunden betragen. Auf der Homepage mussten die Betreiber Regeln kommunizieren: Wer samstags nach 16 Uhr anstehe, könne leider nicht mehr berücksichtigt werden. Schon so sei es nicht möglich, alle Kundinnen und Kunden bis Ladenschluss zu bedienen. Eine Warteschlange gibt es auch online. Der Webshop verhängte temporär einen Bestellstopp, die eingegangenen Aufträge konnten nicht mehr verarbeitet werden.

Der aus Japan vor wenigen Jahren in die Schweiz übergeschwappte Hype ist gross. Die hier anstehenden Fans sind mehrheitlich Teenager und junge Männer, dazwischen gesellen sich aber auch immer wieder ältere Semester sowie Eltern, die den Nachwuchs begleiten. «Bei uns sind zum Glück Ferien», sagt die ­Mutter aus Solothurn. Das erlaube den kleinen Ausflug nach Zürich. Sie nimmt es mit ­Humor, die Kinder lenken sich mit Spielkarten ab. «Nur etwas wärmer könnte es sein.»

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