Aufgefallen in… New York

Hunger!

Die Zahl ist schockierend. Von den 8,3 Mio. New Yorkern haben laut der Hilfsorganisation City Harvest mehr als 1,5 Mio. nicht genug Geld, um sich ausreichend Lebensmittel kaufen zu können – das entspricht etwa der Bevölkerung des Kantons Zürich. Jedes fünfte Kind ist in der Metropole der amerikanischen Ostküste davon betroffen.

Ein Grund ist die Coronaviruspandemie. Laut City Harvest ist die Zahl der Personen, die auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind, seit dem Beginn der Pandemie 38% gestiegen. Der Grund ist klar. Mit dem Broadway, dem Madison Square Garden und den diversen anderen Sehenswürdigkeiten ist New York Stadt ein Touristenmagnet. Davon leben in der Hotellerie, dem Gastgewerbe und dem Kunstbetrieb Millionen Menschen. Wegen der wirtschaftlichen Restriktionen haben viele ihre schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungsgewerbe verloren.

Ihnen fehlt nun ein Einkommen. Wenig überraschend ist die Arbeitslosenquote mit 14% in New York Stadt eine der höchsten im Land. Dabei handelt es sich aber um eine Untertreibung, denn die Zahl erfasst nur jene Personen, die eine Aufenthaltsbewilligung haben und vor der Pandemie eine legale Anstellung hatten. Für viele Angestellte im Gastgewerbe ist das nicht der Fall. Oftmals sind sie illegal im Land und werden unter dem Tisch bezahlt. Entsprechend löchrig ist auch das Sicherheitsnetz, das mit finanzieller Unterstützung dem Hunger Einhalt gebieten will.

Immerhin ist das Problem bekannt. Seit dem Beginn der Pandemie können alle New Yorker von Montag bis Freitag drei Mahlzeiten an über zweihundert Standorten abholen. Beispielsweise beim John Jay Educational Campus an der 7th Avenue in Brooklyn. Beim Hintereingang stehen Lunchpakete abholbereit. Sie bestehen aus einem Sandwich, einem Apfel und einer Tüte Milch. Viel los ist an diesem Donnerstagnachmittag nicht. Doch der Eindruck täuscht, wie die Schulangestellte erklärt, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Mehrere Hundert Personen nutzen täglich das Angebot der Stadt.» Selbst im mehrheitlich wohlhabenden Stadtteil Park Slope gibt es offensichtlich Bedarf an staatlicher Unterstützung.

Das bestätigt sich auch an der sechsten Strasse, nur wenige Blocks vom historischen Old Stone House entfernt. Neben dem Eingang zum «Postmark Cafe» steht ein bunt bemalter Kühlschrank. Gefüllt ist er mit Gemüse und Früchten. Im Gestell daneben gibt es Gemüse in Konserven, zwei Packungen «Maccaroni & Cheese», Brot und andere Snacks. Aufgestellt wurde er von TheGowanusFridge, einer Nachbarschaftsorganisation, die Menschen in Not unter die Arme greift. Essen mitnehmen kann jeder, der es braucht. Gefüllt wird er von Freiwilligen. Einmal wöchentlich gibt es auch Lebensmittel von der nahe gelegenen Whole-Foods-Filiale.

Seit dem Beginn der Pandemie sind über das gesamte Stadtgebiet Dutzende dieser von nachbarschaftlichen Gruppen organisierten Kühlschränke aufgetaucht. So schnell verschwinden dürften sie nicht. Das verdeutlicht die Camp Friendship Food Pantry, ebenfalls in Park Slope.

In einer Turnhalle in der Nähe der ­Bibliothek bereiten Freiwillige jeden Samstag Hunderte von Lebensmittel­paketen vor. Zudem liefert die Gruppe zweimal in der Woche Lebensmittel kostenlos an Senioren, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Aus der Taufe gehoben wurde die Food Pantry im Sommer. Auslöser war wie bei den nachbarschaftlichen Kühlschränken und dem ausgeweiteten Lunchprogramm der öffentlichen Schulen die Coronaviruspandemie.

Diese Angebote verdeutlichen, wie akut das Problem ist. Doch auch nach der Krise werden sich nicht alle New Yorker Lebensmittel leisten können. Das zeigen die Food Banks von City Harvest, die am meisten solcher Lokale betreibt. Von März bis August zählten sie fast 12 Mio. Personen. Im Jahr davor waren es aber auch bereits neun Millionen.


Bild: Martin Lüscher

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