Aufgefallen in… Piemont

Turismo italiano

 

Freier Blick auf den Mailänder Dom, keine Schlange vor dem Kolosseum, menschenleere venezianische Brücken. Schweizerinnen und Schweizer, die sich im Spätsommer trotz Massnahmen gegen die Coronapandemie nach Italien wagten, wurden mit touristenfreien Wahrzeichen belohnt – so erzählten die Rückkehrer zumindest begeistert. Wieso also nicht ein Wochenende ins nahe Piemont fahren?

Doch die Überraschung – um nicht zu sagen Enttäuschung – vor Ort war gross. Wie erhofft war zwar tatsächlich kaum ein Wort Deutsch zu hören und schon gar kein Englisch oder Chinesisch. Auf den Strassen sahen die Besucher aus dem Norden nur hie und da ein Schweizer oder ein deutsches Nummernschild. Doch stattdessen waren die Strassen und Wege rund um das berühmte Alba gesäumt mit italienischen Fiats. In den Städtchen gab es zum Teil kein Durchkommen, die Restaurants waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Aus ganz Italien schienen die Gäste angereist zu sein. Familien pilgerten durch die Rebberge – nicht selten in Funktionskleidung, die der der sonst oft gesehenen Schweizer Aktivtouristen in nichts nachstand. Über die befestigten Strassen kurvten Rennvelofahrerinnen und E-Biker. Und abends liessen sie sich alle auf den schönen Plätzen in den Innenstädten nieder, Kinder spielten auf den Treppen vor der Kirche. Natürlich alle mit Gesichtsmaske geschützt und mit etwas mehr Abstand als üblich. Sonst aber war Covid-19 für einmal weit weg.

Die Region rund um Alba weiss mit Touristenströmen zurechtzukommen. Die mit Reben bebauten Hügel und Dutzende mittelalterliche Städte und Dörfer locken gerade in der Herbstzeit jedes Jahr Hunderttausende Touristen an. Sie kommen zum traditionellen Trüffelfest, zum Weintrinken, zum Heiraten aus ganz Europa, aber auch aus den USA und Asien. An den Wochenenden sind die Restaurants in den Weinregionen Langhe, Roero oder Barolo ausgebucht, an gewissen Orten müssen die Touristen Wochen im Voraus reservieren. Auch eine bescheidene Unterkunft spielt 200 € pro Nacht und Nase ein. Der Tourismus allein macht in der norditalienischen Region zwischen 3 und 5% der wirtschaftlichen Wertschöpfung aus. Den positiven Effekt auf die Weinnachfrage nicht eingerechnet.

2019 zählte sie über 5,4 Mio. Besucher, ein Fünftel mehr als vor zehn Jahren. Zum Zuwachs trugen vor allem Ausländer bei: Ihr Anteil am Tourismus wuchs in den vergangenen Jahren stetig. Italiener machten zuletzt aber noch mehr als drei Fünftel der Besucher aus. Die Gegend rund um Alba war hinter der Hauptstadt Turin bei den Gästen mit am beliebtesten, wie eine ­Umfrage des Tourismusinstituts VisitPiemonte ergab. Die meisten ausländischen Gäste kommen aus Deutschland.

Kamen. Dieses Jahr ist alles anders. Spätestens seit das deutsche Robert-Koch-Institut einen Grossteil Italiens vor zwei Wochen als Risikogebiet eingestuft hat, bleiben auch die letzten Touristen aus Angst vor einer Quarantäne lieber zuhause. Aber bereits davor war nach dem Tourismus aus Übersee auch der innereuropäische eingebrochen. «Italiener erobern ihre Städte zurück» titelte die «Financial Times» (FT) unlängst und zeigte Römer, die die leeren Piazzen der Hauptstadt genossen, Florentiner, die sich angeblich nach Jahren im Herbst wieder mal in die berühmten Museen wagten.

Doch der Binnentourismus wird weder in den grossen Städten noch im Piemont den Wegfall der Deutschen, Amerikaner und Asiaten wettmachen können. Im Sommer erwarteten etwa Rom und Florenz einen Einbruch bei den Übernachtungen von mehr als 60%. Hier machten Ausländer vergangenes Jahr rund die Hälfte der Ankünfte aus. An manchen italienischen Orten betrug der Einbruch laut FT gar 90%. Den Piemontesern könnte es demnach etwas besser ergehen. Der wirtschaftliche Schaden durch die Pandemie ist aber wohl auf Jahre hinaus enorm – trotz menschengefüllter Gassen und voller Restaurants.


Bild: ZVG

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