Aufgefallen in… Sursee

Kopf ab

Am kommenden Montag, dem elften Tag des elften Monats, beginnt um 11.11 Uhr für die Fasnachtsfreunde die fünfte Jahreszeit. Die Narren stehen in den Startlöchern – zumindest in den diversen Karnevalshochburgen. Eine solche ist Sursee zwar nicht. Allerdings liegt die kleine Gemeinde im Kanton Luzern – er ist abgesehen von Basel der Schweizer Fasnachtskanton schlechthin.

Weshalb gerade der Martinstag den Start der Fastnachtssession markiert, ist unklar. Eine Erklärung besteht etwa darin, dass früher dann eine Fastenzeit begann, die bis Weihnachten dauerte. Deshalb sollte vorher noch einmal ordentlich über die Stränge geschlagen werden. In Sursee hat dies bis heute in Form des jährlichen Martinsfests respektive der «Gansabhauet» Tradition.

Kurz nach 15 Uhr herrscht in Sursee an diesem Tag jeweils Ausnahmezustand. Auf dem sonst so überschaubaren Rathausplatz tummeln sich Tausende Schaulustige. Im Rathaus bereitet sich der erste Teilnehmer auf seinen Auftritt vor. Nach einem Glas Wein und einigen Drehungen um die eigene Achse geht es raus auf den Platz, wo eine leblose Gans auf ihn wartet.

Unter tosendem Applaus betritt der Protagonist die Bühne. Traditionsgemäss ist er in einen roten Umhang gekleidet, mit einem stumpfen Säbel bewaffnet, die Augen hinter der goldenen Sonnenmaske verbunden. Ist er einmal auf der Bühne, sucht er orientierungslos den Draht, an dem die Gans am Hinterkopf aufgehängt ist. Dann ertastet er mit ungelenk erscheinenden Bewegungen die Position des Federviehs, um die optimale Einschlagstelle ausfindig zu machen.

Hat er sie gefunden, kommt es zum Hauptakt: Mit einem einzigen Hieb muss der Protagonist den Hals des Federviehs durchtrennen. Er holt aus, schlägt zu. Daneben. Mit gesenktem Kopf verlässt er die Bühne. Wenige Minuten später folgt der zweite Teilnehmer des Tages. Dann der Dritte, und so weiter. Wem der entscheidende Streich gelingt, dem winkt neben Ruhm und Ehre auch ein leckeres Festmahl. Denn die Gans darf er mit nach Hause nehmen. Für die zwei Gänse, die an diesem Nachmittag geköpft werden, bedarf es erfahrungsgemäss zwischen fünf und zwanzig Hiebe. Einer Frau ist der entscheidende Schlag bislang noch nie geglückt.

Die Ursprünge des archaischen Brauches liegen im Dunkeln. Bekannt ist, dass man ähnliche Anlässe mit Federvieh vor rund dreihundert Jahren in ganz Europa durchführte. Wenig überraschend, wenn man bedenkt, wie wertvoll die Tiere damals waren: Sie lieferten das teuerste Fleisch, das begehrte Gänsefett, wertvolle Daunen und Federkiele zum Schreiben. Anfang der 1820er Jahre verschwand der Brauch zwischenzeitlich aus Sursee, wurde vier Dekaden später aber zu neuem Leben erweckt. Seither findet die «Gansabhauet» Jahr für Jahr statt.

Heute spielen Gänse zwar nicht mehr eine so wichtige Rolle wie damals. Beliebt sind sie aber noch immer. So zieren an diesem Tag ausschliesslich Gansgerichte die Speisekarten der umliegenden Restaurants. Das Martinsfest besteht allerdings nicht nur aus der «Gansabhauet». In den Pausen versuchen Kinder, beim «Stangechlädere» Geschenke zu ergattern oder sich beim «Chäszänne» mit einer Grimasse ein Stück Käse zu verdienen. Zum Schluss  findet auch noch ein «Räbeliechtliumzug» statt.

Bevor die Fasnachtssession im Februar so richtig beginnt, treiben die Narren also schon im November ihr Unwesen. Die Art und Weise, wie die kleine Gemeinde am Sempachersee in die fünfte Jahreszeit startet, hat jüngst allerdings verstärkt Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Zahlreiche Tierschutzorganisationen haben bereits ein Verbot der «Gansabhauet» gefordert. Bislang jedoch ohne Erfolg. Die Veranstaltung ist Unesco-Kulturerbe und figuriert seit 2012 auf der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz. Damit ist in Sursee auch dieses Jahr alles bereit für die «Gansabhauet».

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