Zum Thema: Der Anleger wird zur Bank

Crowdlending verspricht günstigere Kredite

Online-Plattformen stellen den Geldgebern Renditen bis zu 9% in Aussicht. Wo die grössten Risiken liegen.

Zwei Kollegen in einer Beiz, ein Bierdeckel, auf dem man den ausgeliehenen Betrag notierte, ein kräftiger Handschlag: Bereits früher waren Darlehen von privat an privat gang und gäbe. Allerdings hatte man nie die absolute Gewissheit, dass man das Geld wieder sah, und die Zinsberechnung gestaltete sich meist auch eher schwierig.

Der Bierdeckel von heute sind Internetseiten – gewissermassen Datingplattformen für Geldgeber und Geldsuchende. Mit dem einzigen Unterschied, dass sich die beiden Parteien kaum je treffen werden.

Die Rede ist von Crowdlending-Plattformen. Derzeit gibt es in der Schweiz drei relevante Anbieter: Pionier Cashare, der seit 2008 auf dem Markt ist und seither über tausend Kredite vermittelte, sowie Creditgate24, seit 2015 am Start, und Lend (vgl. Tabelle). Letztere Plattform ist erst seit wenigen Monaten aktiv. Alle drei Anbieter haben grundsätzlich den gleichen Service. Sie ermöglichen denjenigen, die Geld suchen, die Möglichkeit tieferer Kreditzinsen im Vergleich zu Bankzinsen. Und sie suchen als Geldgeber Privatpersonen, die auf der Suche nach alternativen Anlagemöglichkeiten für ihre liquiden Mittel sind.

Die Renditeversprechen der drei Anbieter lassen sich angesichts des Tiefzinsumfelds in der Tat sehen. Ein jährlicher Zins zwischen 5 und 7% scheint möglich, was derzeit weder mit Aktien noch High-Yield-Obligationen erreichbar ist.

Allerdings gilt auch hier der Grundsatz: Höhere Renditen gehen einher mit höheren Risiken. Deshalb gilt es beim Crowdlending sich der potenziellen Gefahren bewusst zu sein – umso mehr, weil je nach Plattform die Angaben in Bezug auf den Kreditnachfrager unterschiedlich ausfallen. Zu den Anbietern mit der grössten Transparenz zählen Cashare und Lend.

Das grösste Risiko bei einem Kreditgeschäft – früher wie heute – ist der Totalausfall. Entscheidend ist deshalb die Wahl der Bonitätsstufe. Je besser ein Kreditnehmer eingestuft wird, desto kleiner ist die Gefahr eines Ausfalls.

Tritt ein solches Ereignis ein, verfallen unter Umständen sämtliche Ansprüche des Geldgebers. Allerdings versuchen die Plattformen, diese Gefahr möglichst zu minimieren. So gilt bei Creditgate24 eine Solidarhaftung. Bei einem Totalausfall haften sämtliche Geldgeber, die in der gleichen Bonitätsstufe investiert haben, gemeinsam. Bei Lend wiederum sind alle Kredite mit einer Ratenschutzversicherung abgesichert. Das verhindert zwar einen möglichen Totalverlust nicht in jedem Fall. Doch ist zumindest bei Krankheit oder Erwerbslosigkeit des Geldnehmers die Rückzahlung der Raten für eine gewisse Zeit gesichert.

Bisher war das Ausfallrisiko verschwindend klein. Die Kreditinstitute rechnen durchschnittlich mit Ausfällen von 1%. Das heisst: Einer von hundert Kreditnehmern kommt seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nach. Bei allen drei Crowdlending-Plattformen ist bisher ein solcher Fall noch nicht aufgetreten. Das liegt unter anderem daran, dass zwei Plattformen erst seit einem Jahr oder weniger aktiv sind und dass die Bonitätsanforderungen der Plattformen deutlich höher sind als bei den kreditvergebenden Banken.

Sollte sich an der Tiefzinsfront eine Wende ankündigen, könnte die Ausfallquote durchaus steigen. «Aufgrund der wirtschaftlichen Lage könnte die Ausfallwahrscheinlichkeit ohne Weiteres auf 5% ansteigen», prognostiziert Crowdlending-Fachmann Andreas Dietrich vom IFZ.

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