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LM Group brilliert und enttäuscht doch

Analyse | Betrugsvorwürfe gegen den Gründer überschatten das gute Ergebnis. Es rächen sich Corporate-Governance-Mängel der Vergangenheit.

Mitten in ihrer schwersten Krise liefert LM Group (LMN 22.55 -1.96%) ordentliche Zahlen für das erste Halbjahr. Das Geschäft des Online-Reiseanbieters rangiert fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. «Wir sind zufrieden mit dem Ergebnis im ersten Halbjahr, das wir in einem Markt erreicht haben, der insgesamt noch immer gut ein Fünftel unter Vor-Corona-Niveau liegt», sagte Interim-CEO Laura Amoretti im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft». Sie leitet das Unternehmen übergangsweise. Ihr Vorgänger sitzt in Untersuchungshaft.

Ende Juli die Schocknachricht: Fabio Cannavale, Firmengründer, bislang CEO, Verwaltungsratsmitglied und Ankeraktionär der Gruppe, wird von den Behörden der Missbrauch von Kurzarbeitsentschädigungen während der Coronakrise vorgeworfen. Gegen drei Tochterunternehmen der LM Group wird ermittelt, Gelder in Höhe von mehr als 7 Mio. Fr. wurden gesperrt.

Keine Rückstellungen für Rechtsstreit

Neben Cannavale sitzen noch COO und ebenso VR-Mitglied Andrea Bertoli sowie weitere Manager der LM Group in Untersuchungshaft. Das Unternehmen hat die Aufgaben von CEO und COO interimistisch Laura Amoretti übertragen. Die Untersuchungen richteten sich nicht gegen LM Group direkt, sondern gegen die Manager, hiess es am Freitag. Das Unternehmen habe noch keine Rückstellungen für den Rechtsstreit gebildet.

«Betreffend Umbau oder Wiederaufstockung des Verwaltungsrats arbeiten wir, aber es gibt noch nichts zu kommunizieren», erklärte LM-VR-Präsident Laurent Foata im Gespräch mit FuW. Die Suche nach einem dauerhaften Nachfolger für den CEO laufe. Zudem habe der Verwaltungsrat beschlossen, die für den 2. September geplante Generalversammlung abzusagen. «Natürlich spüren wir eine Verunsicherung bei Investoren», sagte Foata. «Wir kommunizieren transparent und beantworten ihre Fragen.»

Am Freitag zeigten sich Anleger zunächst erleichtert angesichts des Zahlenkranzes. Die Valoren der LM Group, die in den vergangenen Tagen stark unter Druck standen, notierten zum Handelsstart fester, verloren dann aber wieder an Wert.

Das Geschäft des Unternehmens hat fast bereits wieder Vor-Corona-Niveau erreicht. Wegen der Pandemie und der damit verbundenen Reisebeschränkungen waren die Buchungen auch bei LM Group eingebrochen. Nun liegt der Umsatz im ersten Halbjahr nur noch 5% unter dem vergleichbaren Zeitraum des Vor-Corona-Jahres 2019.

Der Umsatz in der Periode von Januar bis Juni lag mit 159,8 Mio. € mehr als dreimal so hoch. Noch besser entwickelten sich die Ergebniskennziffern. Der bereinigte Betriebsgewinn auf Stufe Ebitda erreichte im ersten Halbjahr mit 24,5 Mio. € ein Vielfaches des Vorjahreswerts. Unter dem Strich resultierte ein Gewinn von 13,2 Mio., nachdem im Vorjahreszeitraum ein Verlust von 17,6 Mio. zu Buche gestanden hatte. Das Unternehmen generiere derzeit einen um viele Faktoren bereinigten Ebitda, der dem Niveau des ersten Halbjahres 2019 entspreche, erklärte CFO Sergio Signoretti.

Sehr optimistisch für 2022

Der Start ins Reisejahr 2022 sei noch harzig gewesen, hiess es, vor allem wegen der Omikronvariante. Im Jahresverlauf habe das Geschäft an Fahrt gewonnen. Vor allem im zweiten Quartal sei es gut gelaufen. Im Juli habe sich der Erholungskurs fortgesetzt, allerdings mit einem leichten Stutzer durch die organisatorischen Probleme auf vielen Flughäfen und Streiks bei Airlines.

Auf einen Ausblick verzichtete das Management. Interim-CEO Amoretti äusserte sich im Gespräch «sehr optimistisch». «Wir sehen gute Chancen für einen verlängerten Sommer, für eine gute Nachfrage im September und Oktober.»

Auch wenn sich das Geschäft der LM Group wieder robust zeigt: Wegen der Betrugsvorwürfe sind die Papiere für viele Anleger derzeit kein Kauf. Es rächt sich die schlechte Corporate Governance mit Gründer Cannavale im Mittelpunkt der Firma. «Unser Schwerpunkt liegt derzeit auf der Führung des Unternehmens», erklärte VRP Foata. «Wir werden diese Frage zu einem späteren Zeitpunkt aufnehmen.»