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Auslagern kann auch scheitern

Grossbritannien ist ein Musterbeispiel, wie Privatisierung scheitern kann. Dies liesse sich verhindern. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Pascal Meisser.

«Das blosse Auslagern an private Anbieter genügt nicht. Es braucht staatliche Kontrollorgane. »

Mitte Januar schockte der Bauriese Carillion mit dem Konkurs das Vereinigte Königreich, diese Woche geriet der Outsourcing-Dienstleister Capita in eine massive finanzielle Schieflage. Investoren werden rund 1 Mrd. Fr. einschiessen müssen, um die Bilanz zu sanieren.

Carillion und Capita sind zwei Unternehmen mit jeweils Zehntausenden von Mitarbeitern, im Ausland kennt sie aber kaum jemand. In Grossbritannien sind beide Gesellschaften für das Funktionieren der öffentlichen Infrastruktur eminent wichtig, sie sind gewissermassen too big to fail. Carillions Hauptauftraggeber ist der britische Staat.

Dazu gehören hauptsächlich Einrichtungen wie Strassen, Eisenbahnlinien oder Krankenhäuser. Capita übernimmt staatliche Dienstleistungen, so etwa das Inkasso der Rundfunkgebühren, die Londoner Innenstadtgebühr für Autofahrer oder den Notruf der Londoner Feuerwehr.

Im Fall von Carillion ist der Staat eingesprungen, um kurzfristig mit Steuergeldern die Fortsetzung der nötigsten Arbeiten an Spitälern und Gefängnissen fortzusetzen, bei Capita sind es vorerst die privaten Investoren, die den hohen Wertverlust des Unternehmens tragen und frisches Kapital aufbringen müssen.

Carillion und Capita schreiben weitere Kapitel in der Debatte darüber, ob private Unternehmen Dienstleistungen tatsächlich effizienter und günstiger anbieten können als der Staat. Zugleich stellt sich die Frage, mit welchem Risiko solche Auslagerungen verbunden sind.

Das Vereinigte Königreich ist von diesem Teilversagen besonders betroffen. Seit den Achtzigerjahren gilt es als Mutterland der Privatisierung. Unter der Regierung von Premierministerin Margaret Thatcher wurde eine grosse Privatisierungswelle gestartet. Im Lauf der Jahre wurden fast alle zuvor staatlichen Unternehmen verkauft, unter anderem in den Bereichen Verkehr, Energie, Kommunikation, Medizin und Wasserversorgung. Zusätzlich wurden unzählige Dienstleistungen an private Anbieter ausgelagert.

Bis heute ist nicht erwiesen, dass der freie Markt erfolgreicher agiert als Staatsbetriebe. Als Paradebeispiel einer gescheiterten Privatisierung gilt der Eisenbahnverkehr. Um private Anbieter anzuwerben, wurden die Bedingungen so ausgestaltet, dass sie in jedem Fall Gewinn erarbeiten. Gleichzeitig unterstützt der britische Staat die Eisenbahngesellschaft mit höheren Subventionszahlungen als vor der Privatisierung.

Einmal mehr zeigt sich, dass blosses Auslagern an private Anbieter noch kein Erfolgsmodell darstellt. Auf Staatsseite müssen entsprechende Kontrollorgane geschaffen werden, um mit Frühwarnsystemen allfällige Risiken auf der Anbieterseite zu erkennen. Gleichzeitig sind auch die Buchprüfer gefordert, die Liquidität der betreffenden Unternehmen kritisch zu beobachten.

Im Fall von Carillion soll nun eine Untersuchung prüfen, weshalb der Gesellschaft selbst dann noch staatliche Bauaufträge zuflossen, als sich bereits ein finanzielles Debakel abzeichnete.

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