Meinungen

Auslagerung – eher Segen als Fluch

Heute kann Offshoring technische Fortschritte ermöglichen, die die Produktivität gering qualifizierter Arbeitskräfte im Westen steigern. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«Offshoring hat die Lohnunterschiede zwischen Entwicklungs- und Industriestaaten verringert.»

Während der vergangenen zwanzig Jahre haben immer mehr Unternehmen Produktionseinheiten aus den Industriestaaten in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert. Das hat eine heftige Debatte ausgelöst. Die technologische Überlegenheit des Westens dank hoher Investitionen in Forschung und ­Entwicklung schaffe lediglich in Übersee neue Stellen, ohne dass die Arbeitskräfte im Westen davon profitierten, lautet ein Argument. Andere warnen vor einer Abwärtsspirale, in deren Zug die Löhne westlicher – vor allem niedrig qualifizierter Arbeiter – von China diktiert werden. In der Tat stagnieren in den USA die Löhne von Arbeitern ohne Hochschulausbildung seit 1979.

Die Debatte ist nicht neu. 1995 argumentierte Adrian Wood, der internationale Handel sei verantwortlich für die massive Zunahme der Lohnungleichheit in den Achtzigerjahren. Doch seine These überzeugte nicht. Damals dürfte der internationale Handel zu geringfügig gewesen sein, um die westlichen Arbeitsmärkte wesentlich ­beeinflussen zu können. Mittlerweile hat sich das geändert. Das Outsourcing von Teilen der Produktionskette hat drastisch zugenommen. Der Anteil importierter ­Vorleistungen in der Produktion in den USA ist seit 1980 um das 4,5-Fache gestiegen.

Ein Beispiel ist Apple: Die Produkte werden zwar in den USA entworfen und konstruiert, doch ein Grossteil der von Apple geschaffenen Stellen in der Produktion ­befindet sich in China und auf den Philippinen. Eine signifikante Anzahl hoch qualifizierter Engineering-Stellen und niedrig qualifizierter Verkaufsjobs entsteht allerdings im Westen, und über 50% der Wertschöpfung entfallen auf US-Unternehmen. Ohne Offshoring wären einige der Produktionsschritte möglicherweise in den USA belassen worden, was die Nachfrage nach geringer qualifizierten Arbeitern gestützt hätte. Das allerdings hätte die Kosten der iPhones, iPads usw. in die Höhe getrieben, was wiederum die Beschäftigung nicht nur im Engineering-Bereich, sondern auch im Verkauf und in anderen niedrig qualifizierten Sektoren gedrückt hätte.

Meinungsstreit unter Ökonomen

Wie dieses Beispiel zeigt, sind die Auswirkungen der Produktionsverlagerung nicht eindeutig einzuordnen. Auch unter Ökonomen herrscht Uneinigkeit. Nach gängiger Meinung bewirkt Offshoring weltweit einen effizienteren Einsatz der Ressourcen und zieht im Westen nicht zwingend niedrigere Löhne und Stellenverluste nach sich, solange die Arbeiter die «Technologieleiter» hinaufsteigen und ihr Wissen sowie ihre Fertigkeiten in höher angesiedelten Teilen des Produktionsprozesses anwenden. Besonders liessen sich so Personalressourcen zugunsten der Forschung und Entwicklung freisetzen. Obwohl die qualifizierten Arbeiter am meisten profitierten, dürften auch Vorteile für die Gesellschaft als Ganze entstehen, etwa in Form niedrigerer Preise für die Konsumenten.

Es gibt auch kritische Stimmen. 2004 wies Paul Samuelson darauf hin, die Auslagerung der Produktion ins Ausland könnte einen massiven Transfer von Technologien in weniger fortgeschrittene Niedriglohnländer auslösen und so den technologischen Vorsprung des Westens in immer mehr Bereichen verringern; alle Vorteile einer solchen Verlagerung kämen auf lange Sicht einzig den aufstrebenden Volkswirtschaften zu. Unterstützung erhält seine pessimistische Sicht von einer jüngst durchgeführten Studie von David Autor, David Dorn und Gordon Hanson: Sie zeigt, dass Stellenverlagerungen in den USA sich auf diejenigen Industrien konzentrieren, die am meisten dem Wettbewerb durch chinesische Produkte ausgesetzt sind. Andere Untersuchungen kommen jedoch zu unterschiedlichen Resultaten. Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen und Jens Suedekum belegen, dass die Globalisierung in exportorientierten Sektoren viele Stellen geschaffen hat. Netto resultierte in Deutschland in der verarbeitenden ­Industrie eine Zunahme der Beschäftigung um 4%.

Im jüngst erschienenen Artikel «Offshoring and Directed Technical Change» (NBER Working Paper 18595, mit Daron Acemoglu und Gino Gancia) untersuche ich einen Aspekt, der von anderen Studien bisher vernachlässigt wurde. Es herrscht ein breiter Konsens, dass die Stossrichtung technologischer Entwicklung nicht zufällig ist, sondern durch Profitabilitätsüberlegungen und Marktbedingungen gelenkt wird. So beeinflussen wachsende Möglichkeiten der Auslagerung die technologische Entwicklung, was die künftige Produktivität (damit Löhne und Beschäftigung) der verschiedenen Arbeiter bestimmt.

Ob die Begünstigung der Hochqualifizierten im Zug des technologischen Wandels durch das Offshoring verstärkt oder geschwächt wird, lässt sich nicht klar fest­stellen. Ein Beispiel: Ohne die Möglichkeit, Produktionsschritte ins Ausland auszulagern, wäre es für Apple eventuell nicht profitabel gewesen, einige der neuen Produkte zu lancieren, weil die Arbeitskosten höher gewesen wären. Damit wiederum hätte es weniger hoch qualifizierte Mitarbeiter in den Bereichen Engineering und Design ­gebraucht. Ohne die Möglichkeit zur Auslagerung hätte Apple die Geräte vielleicht ganz anders gestaltet, um die Abhängigkeit von den teuren niedrig qualifizierten Arbeitskräften im Heimmarkt zu reduzieren. Dies hätte potenziell ungünstige Auswirkungen auf die Nachfrage nach wenig qualifiziertem Personal in den USA.

In unserer Studie versuchen wir, die verschiedenen Auswirkungen differenziert zu betrachten. Dabei zeigt sich: In einem Umfeld, in dem Produktionsauslagerungen nicht weit verbreitet sind (wie etwa in den Achtziger­jahren), löst eine Zunahme der Offshoring-Möglichkeiten einen technologischen Wandel aus, der die hoch qualifizierten Arbeitskräfte begünstigt, zum Nachteil weniger gut ausgebildeter Arbeiter in westlichen Ländern. Ist die Produktionsverlagerung hingegen gängige Praxis (wie heute), kommt das gegensätzliche Muster zum Tragen: Weiteres Offshoring kann technische Fortschritte ermöglichen, die die Produktivität gering qualifizierter Arbeitskräfte steigern. So mag die Auslagerung von Produktionsschritten ins Ausland die Ungleichheit vertieft und das Verschwinden vieler niedrig qualifizierter Stellen begünstigt haben, doch diese Phase könnte sich nun dem Ende zuneigen.

Unsere Analyse zeigt zudem, dass Offshoring einen ­raschen Technologietransfer zu aufstrebenden Ländern auslöst und so die Lohn- und Einkommensunterschiede zwischen Entwicklungs- und Industriestaaten verringert. So sind die Löhne in China in den vergangenen zwanzig Jahren viel schneller gewachsen als die im Westen. Das Argument, Offshoring verbessere die Lebensbedingungen vieler Menschen in ärmeren Weltregionen, sollten Verfechter von mehr sozialer Gerechtigkeit stärker beachten.

China-Importe treiben Investitionen an

Die Vorhersagen in unserer Studie decken sich mit den empirischen Beobachtungen. Die erste Offshoring-Welle in den Achtzigerjahren ging mit einem Einbruch der Reallöhne niedrig qualifizierter Arbeiter einher. Doch als das Offshoring Ende der Neunziger- und in den Nullerjahren immer grössere Verbreitung erfuhr, stabilisierten sich die Löhne und begannen dann zu steigen. Unsere Theorie erklärt auch, warum die zunehmenden Importe aus China in den späten Neunzigerjahren die Investitionen in IT in Europa ankurbelten. Sinken in einem Umfeld, in dem Offshoring noch nicht weit verbreitet ist, die Kosten für die Auslagerung von Produktionsschritten, so eine weitere Erkenntnis, dann steigt in den Ursprungs- wie in den Zielländern der Stellenwert der Bildung. Auch das findet in der Praxis Bestätigung: In China hat sich der Lohnvorteil von Hochschulabsolventen gegenüber Niedrigqualifizierten zwischen 1992 und 2007 massiv verstärkt.

Das letzte Wort in dieser Sache mag noch nicht ge­sprochen sein, doch ernstzunehmende Argumente gegen Protektionismus gibt es genug: Auf globaler Ebene schadet er dem Wachstum, und um die sozialen Anliegen voranzutreiben, die seine Anhänger propagieren, dürfte er ohnehin zu spät kommen.

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