Unweit von Memel pflegte einst Thomas Mann die Sommerfrische zu geniessen. Heute geht’s dort mitunter prosaischer zu: Am Containerhafen von Klaipeda, wie die Stadt heute heisst, ist vor wenigen Wochen dieser Autotransformer auf einen Frachtkahn verladen worden. Der Kutter hat den 164 Tonnen schweren Klotz an seinen Bestimmungsort verfrachtet, wo er nun ans litauische Elektrizitätsnetz angeschlossen wird. Diese Apparatur ist ein Schlüsselelement der baltischen Stromversorgungsinfrastruktur – und damit der Geostrategie: Künftig werden Litauen, Lettland und Estland Strom direkt vom EU-Nachbarn Polen beziehen können. Dank der Aufschaltung des sogenannten LitPol Link wird die Abhängigkeit der drei exponierten Staaten von Elektrizität aus Russland gemindert – ein beunruhigendes Erbe aus den Jahrzehnten sowjetischer Besetzung. Das zwingt den Kreml dazu, seine Exklave Kaliningrad (zu Manns Zeiten das nördliche Ostpreussen) energietechnisch vermehrt von den EU-Anrainern Litauen und Polen abzukoppeln. Zur selben Zeit jedoch wird nahe von hier die Gaspipeline Nord Stream durch die Ostsee gelegt, von Russland nach Deutschland. So viel zu ganzheitlicher europäischer Energiepolitik.

(Bild: Valda Kalnina)