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Autos aus den Alpen oder als aus Chur fast Detroit wurde

Friedrich Schiller war nie in der Schweiz. Dennoch hat er den «Wilhelm Tell» geschrieben, und die «Räuber» – mit übler Nachrede auf Rätien: «…und da rath ich dir, reis du ins Graubündner Land, das ist das Athen der heutigen Gauner», so hiess es in der ersten Fassung. Der Anthropologe Hermann Kranichfeld beschrieb in den Zwanzigerjahren in einem naturwissenschaftlichen Fachblatt die angebliche «Opiumsucht der Chinesen und die Trunksucht der Graubündner». Der Basler Gelehrte Sebastian Münster behauptete in seiner «Cosmographia» von 1544 politisch und sachlich inkorrekt, die Engadiner Bauern seien Zigeuner. Dabei hausen in Graubünden seit jeher unbescholtene, tüchtige Menschen: Sie werkeln wacker in Feld und Wald, auf Schnee und Eis, an Schreibtisch und Werkbank, im Hotel wie im Weinberg.

Handel und Wandel zeigen sich auf dem dekorativen Anteilschein der Centra Handels- & Industrie-Aktiengesellschaft von 1934. Dieses Unternehmen meldete in den Dreissigerjahren eine Reihe von Patenten an, und zwar für Verbrennungsmotoren und dazugehörige Komponenten. Zum Beispiel 1935 für eine «Zweitakteinspritzbrennkraftmaschine (sic!) mit Selbstzündung des eingespritzten Brennstoffes und drei oder mehr in einem Zylinderstern auf einen gemeinsamen Verbrennungsraum arbeitenden Kolben», 1932 auch ein Patent für eine «Brennkraftmaschine mit mindestens einer Gruppe radial angeordneter Zylinder». Noch Fragen?

Der Tüftler hiess Paul Schmaljohann – dem Namen nach eher aus Norddeutschland stammend als aus Graubünden; er hielt auch Patente in Deutschland und den USA. Nach dem wenigen, was man weiss, ist daraus nicht viel entstanden. Der Händlergott Merkur (links) unbekümmert anachronistisch vor modernen Seglern und der wackere Schmied, dito vor Fabrikschloten, als Verkörperung der Industrie blieben allegorisch. Chur wurde kein Wolfsburg der Alpen, kein Detroit am jungen Rhein. Immerhin werden heute etwas talaufwärts emsig Kunststoffe geblochert, vor allem, tatsächlich, für die Automobilindustrie im Ausland.

Chur selbst, wahrscheinlich die älteste Stadt der Schweiz, weist keine grösseren Industriebetriebe auf. Der Dienstleistungssektor herrscht vor, nicht zuletzt mit der kantonalen Verwaltung, mit Schulen, Spital, Bahn, Post, Detailhandel.

1928 wurde das Kapital der Centra Handels- & Industrie-Aktiengesellschaft übrigens von 500 000 auf 800 000 Fr. erhöht, im Jahr darauf auf 900 000 Fr. Der Vermerk, das Kapital sei zu 64% einbezahlt, ist unüblich – er muss aber nicht gleich an Schillers unverständliches Misstrauen erinnern.

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