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Banken tragen schwer an der VergangenheitKreditrückstellungen prägen die Erfolgsrechnung – Neue Eigenkapitalregeln führen zu anhaltender Unsicherheit – Gewinnsteigerung der Investmentbanken fehlt

Clifford Padevit, London

Die von Anlegern erhoffte Normalisierung der Finanzmärkte lässt auf sich warten. Zwar sind die vor einem Jahr erreichten Tiefs an den Aktienbörsen vergessen. Im Finanzsystem ist jedoch der Kreditfluss noch immer beeinträchtigt, trotz rekordtiefer Zinsen. Für Banken ist es ein Dilemma: Tiefe Zinsen fördern die Kreditnachfrage, die Ausleihkapazität ist aber beschränkt, weil zahlreiche Schuldner nicht mehr zahlen können. Das wirkte sich 2009 negativ auf die Gewinne aus, wären da nicht die glänzenden Resultate der Investmentbanken (vgl. Textbox rechts) gewesen. Aber was bringt 2010?

Für Kreditbanken stellt sich die Frage, ob der Abschreibungszyklus den Höhepunkt erreicht hat. 2009 sind die Kreditrückstellungen kräftig gestiegen, was angesichts der Wirtschaftsentwicklung nicht erstaunt. In der EU sank das reale Bruttoinlandprodukt um 4,2%. Immerhin haben mehrere Banken im zweiten Semester 2009 tiefere Rückstellungen vorgenommen. Die Konzernchefs des spanischen Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) und der britischen Bank HSBC hoffen, dass die Provisionen im laufenden Jahr zumindest nicht weiter steigen.

Risiko Immobilienkredite

Die Situation bleibt jedoch fragil. Unter institutionellen Investoren hat sich die Besorgnis vom Wohnbau in Richtung Geschäftsimmobilien verlagert. Der Internationale Währungsfonds hielt im Januar fest: «Kreditverluste aus Geschäftsliegenschaften werden substanziell steigen.» Die Sorge gilt vorab den US-Regionalbanken.

Doch es sind nicht nur US-Banken betroffen. «Geschäftsliegenschaften sind ein Problem in Spanien und Grossbritannien», hält Robert Mumby, Fondsmanager des Jupiter Financials Hedge Fund, gegenüber «Finanz und Wirtschaft» fest. In Deutschland sieht er die Gefahr von hoch verschuldeten Immobilienfirmen ausgehen, die ein Refinanzierungsrisiko bergen. Gemäss Analysten von Unicredit haben Kredite für Geschäftsliegenschaften in Europa ein Volumen von 1500 Mrd. $. Die Ausleihungen machen nach Schätzungen der Europäischen Zentralbank 10% der Kreditbücher von Banken in der Eurozone aus. Für Bauchweh sorgt die Tatsache, dass 90% der Kredite für europäische Geschäftsimmobilien bis 2014 auslaufen.

Höhere Finanzierungskosten

Für Banken stellt sich zudem die Frage, wie hoch die Finanzierungskosten sein werden. Die Situation in Griechenland hat gezeigt, dass Staatsschuldner und Bankschuldner zusammen betrachtet werden. Exponiert sind daher Institute im südlichen Europa und in Grossbritannien, die zudem grössere Teile ihrer Schulden bald ablösen müssen. Gemäss einer Analyse der Investmentboutique Matrix sind dies BBVA, Santander, Unicredit, Royal Bank of Scotland, Barclays und Intesa Sanpaolo. Sie alle müssen 2010 zwischen 15 und 25% ihrer Schulden refinanzieren.

Nach Schätzungen der Ratingagentur Moody’s laufen zwischen 2010 und 2012 weltweit von Banken ausgegebene Schuldpapiere im Wert von 5000 Mrd. $ aus, rund die Hälfte davon entfällt auf Europa. Banken haben es allerdings in der Hand, höhere Finanzierungskosten zu vermeiden. Dazu müssten sie die Bilanz verkürzen, was weniger Risikokapazität und weniger Gewinnpotenzial bedeutet.Die grösste Unsicherheit für Banken geht aber von den Regulatoren aus. Das Basler Komitee für Bankaufsicht (BCBS) der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat Änderung am Eigenkapitalregime angekündigt. Künftig wird ein höherer Anteil von Aktienkapital und Reserven verlangt (hartes Kernkapital). Das Regime wurde am Markt Basel III getauft.

Auf Basel III reagiert

Die grössten europäischen Bankgruppen haben reagiert. Sie haben die eigenen Mittel aufgestockt und die risikogewichteten Aktiven (RWA) reduziert sowie das harte Kernkapital (Core Tier 1) per Ende 2009 deutlich erhöht (vgl. Grafiken unten). Dieser Trend dürfte weiter anhalten, was dazu führt, dass die Ausschüttungen an Aktionäre kaum steigen.

Solange jedoch der Basler Ausschuss keine Zahlen bekanntgibt, bleiben Anleger in der Ungewissheit, ob die eigenen Mittel, künftige Gewinne eingerechnet, ausreichen. Denn beide Seiten der Gleichung werden durch Basel III beeinflusst. In einer neuen Studie zeigen sich Credit-Suisse-Analysten besorgt über die Erhöhung der RWA durch die Neubewertung von Gegenparteirisiken. Die Regeln könnten für Deutsche Bank zu einer Erhöhung der RWA um 50 Mrd. € führen, bei der Schweizer UBS wäre es ein ähnlicher Betrag. Die UBS hält in ihrem Geschäftsbericht fest, dass unter den Änderungen am Eigenkapitalregime «die Fähigkeit, Strategiepläne umzusetzen oder künftige Dividenden auszuschütten», leiden könnte.

Kapitalfrage offen

Die UBS sowie alle anderen Banken haben bis zum 16. April Zeit, Kommentare zu Basel III abzugeben. Nach diesem Datum werden die Stellungnahmen veröffentlicht. Die Ergebnisse der Auswirkungsanalyse folgen gemäss BCBS im zweiten Semester in summarischer Form. Erst Ende Jahr werden die Details von Basel III bekannt. So lange bleibt es bei Schätzungen, welche Bank wie sehr betroffen ist. Für Robert Mumby von Jupiter ist eines der grössten Risiken für Anleger die Verwässerung durch Kapitalerhöhungen im Zusammenhang mit neuen Aufsichtsregeln.

Die Risiken der Banken lasten auf den Bewertungen. Sie sind tief, findet Mumby, «aber Banken sind immer noch hoch verschuldet, und das erwartete Wirtschaftswachstum ist schwach». Mit Ausnahme von Unicredit und HSBC sind die grössten Banken Europas gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) 2010 günstig. Ein KGV von unter zehn weisen Credit Suisse, Deutsche Bank, Santander und BBVA (alle rund 9) auf. Teurer sind UBS, Barclays, Société Générale und BNP Paribas (KGV von rund 11). In den Kursen ist viel Unbill enthalten. Gründe für Kurssteigerungen sind aber nicht auszumachen. Denn vorderhand sind die Risiken zu hoch.

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