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Banken: Zurück in die Neunzigerjahre

Die Marktbewertung und die Profitabilität von Grossbanken werden derzeit oft als «abnormal niedrig» bezeichnet. Was aber, wenn das nicht stimmt – und sie in den letzten zehn Jahren bloss abnormal hoch waren?

Mark Dittli

Grossbanken durchlaufen gegenwärtig einen brutalen Strukturwandel. Die Einkünfte – sei es im Investment Banking oder in der Vermögensverwaltung – sinken, die Kosten steigen, die Margen schrumpfen. Allmählich wächst in der Branche das Bewusstsein, dass nichts mehr so sein wird wie vor 2008.

Bloss drei Jahre ist es her, dass Joe Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank verkündete, er wolle wieder eine Eigenkapitalrendite (Return on Equity) von 25% erreichen. Heute ist die Zahl ein Witz. Die meisten Grossbanken können froh sein, wenn sie einen RoE von 12% erreichen.

An der Börse ist die Nachricht längst angekommen. Der europäische Grossbankensektor handelt in corpore – mit wenigen Ausnahmen – unter Buchwert. Was nichts anderes bedeutet, als dass der Markt die Grossbanken weiterhin als Kapitalvernichter einstuft. UBS-CEO Sergio Ermotti hat es vor einer Woche im Interview mit der FuW (hier in voller Länge)  bestätigt: «Die ganze Branche vernichtet derzeit im Investment Banking Kapital. Das ist eine Tatsache.»

Nun mag die meisten gebeutelten Aktionäre nur eine Frage interessieren: Wann findet die Branche zurück zur Normalität?

Die Frage ist berechtigt. Bloss sollte man zuerst definieren, was unter dem Begriff Normalität verstanden wird. Mehr und mehr häufen sich nämlich die Signale, dass nicht das heutige Umfeld abnormal ist, sondern dass die vergangenen zehn, fünfzehn Jahre abnormal waren.

Die Analysten von Barclays (BARC 114.8 -0.14%) Capital haben in einer aktuellen Studie zwei sehr erhellende Grafiken zum europäischen Grossbankensektor erstellt.

Die erste zeigt das Verhältnis vom Aktienkurs zum harten, also um den Goodwill bereinigten Buchwert (Price / Tangible Book Value):

Zwischen 1998 und 2008 handelte der Sektor zum zwei- bis zweieinhalbfachen Buchwert. Eindrücklich zeigt sich der jähe Absturz Ende 2008. Momentan dümpeln die Aktienkurse um das 0,8-Fache des Buchwerts. Was die Grafik aber auch zeigt: Während zwanzig Jahren, von 1980 bis Ende der Neunzigerjahre, war dieses Niveau völlig normal. Der Ausreisser waren die Jahre zwischen 1998 und 2008 – das war just die Zeit, als die europäischen Mega-Universalbanken (UBS (UBSG 11.075 -0.94%), BNP Paribas etc.) in einer Reihe von Konsolidierungsschritten entstanden.

Die zweite Grafik zeigt die Rendite auf dem harten Eigenkapital (Return on Tangible Equity, RoTE):

Auch hier: Momentan schaffen die Banken gesamthaft bestenfalls eine Rendite von 8% auf dem harten Eigenkapital, respektive sie sollten sich gemäss den Schätzungen der Barclays-Analysten in den nächsten zwei Jahren auf gegen 10% bewegen können. Das mag für Banker mit kurzem Gedächtnis niedrig erscheinen, war aber zwischen 1980 und 1998 die Normalität.

Abnormal wiederum war die Zeit zwischen der Jahrtausendwende und 2008, als RoTE-Werte von 20 bis 25% erreicht wurden.

Vielleicht ist die Branche der europäischen Grossbanken also schon viel näher an der Normalität, als den meisten Aktionären lieb sein dürfte.