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Banking ohne Banken – so kann’s gehen

Manches Fintech-Start-up tritt mit dem Anspruch an, traditionelle Banken aus dem Geschäft zu drängen. Doch die alten Institute sind immer noch da. So könnten sie überflüssig werden.

Valentin Ade

Bill Gates hatte einst einen Satz geprägt, der für viele in der Fintech-Szene zum Schlachtruf geworden ist: «We need banking but we don’t need banks anymore.»

Das sagte der Microsoft-Gründer bereits 1994. Doch über zwanzig Jahre später sind die Finanzinstitute von damals immer noch da, die meisten haben währenddessen sogar die schlimmste Finanzkrise der Geschichte überlebt.

Wer mutige Prognosen macht, kann sich eben irren. Für Gates wäre es nicht das erste Mal, sagte er doch ebenfalls 1998 das Ende der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger im Jahr 2000 voraus. Oder versprach uns 2004, dass es in zwei Jahren keine Spam-Mails mehr geben werde.

Doch könnte man heute tatsächlich auf die etablierten Player im Finanzsystem verzichten? Kann man Banking völlig ohne Banken betreiben?

Der Film «Zurück in die Zukunft II» hat zwar den Baseballmeister Chicago Cubs fast aufs Jahr genau vorausgesagt und uns eine mögliche Version der Zukunft unter Donald Trump gezeigt, aber über Banken schweigt er sich aus.

Doch wir müssen uns auch gar nicht der Science Fiction zuwenden. Wie eine Finanzwelt ohne die heutigen Finanzinstitute funktionieren kann, hat vor kurzem der Chef der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma), Mark Branson, an einem Vortrag in Zürich skizziert.

Die Finma definiert als Bank heute ein Unternehmen, das Fristentransformation betreibt. Sprich, es nimmt kurzfristig abrufbare Kundengelder entgegen und leiht sie als langfristig gebundene Kredite aus.

In der neuen Banking-ohne-Banken-Welt könnte die Funktion des Geldaufbewahrers alternativ durch eine sogenannte Narrow-Bank wahrgenommen werden. Das ist ein bisher nur theoretisch existierendes Unternehmen, das die Fälligkeitsstrukturen von Ausleihungen und Kundeneinlagen in Einklang bringt.

Eine Narrow-Bank ist also keine Bank im Sinne der Finma, da sie keine Fristentransformation betreibt. Alle Gelder sind zu jeder Zeit abrufbar, das Risiko der Illiquidität bei einem Schaltersturm existiert nicht. Kreditausleihung wie heute wäre mit den Narrow-Banken hingegen nicht zu machen.

Wo kommen dann die Kredite her? Zum einen von einer speziellen Gruppe der Fintech-Start-ups, die seit geraumer Zeit wie Pilze aus dem Schweizer Boden schiessen: den Crowdlendern.

Für Kreditnehmer bieten die Plattformen oft günstigere Konditionen und für Kreditgeber – in diesem Fall Otto Normalbürger – eine neue Renditequelle. Mein Kollege Pascal Meisser hat die junge Branche in der Schweiz dieses Jahr in einem Artikel beleuchtet.

Noch werden über Crowdlending-Plattformen allerdings nur verhältnismässig kleine Kredite vermittelt, auch wenn diese ein beachtenswertes Wachstum hinlegen.

Für die wirklich grossen Beträge soll laut Branson der Kapitalmarkt herhalten. In der Schweiz müsste er aber erst «wiederaufleben». Stempel- und Verrechnungssteuer hinderten den Kapitalmarkt hierzulande daran, seine Funktion ausreichend zu erfüllen.

Die Stempelsteuer wird jeweils beim Kauf und Verkauf von Aktien, Anleihen, strukturierten Produkten, Anlagefonds, ETF und anderen Wertschriften abgezogen.

Die Verrechnungssteuer wird auf Ertrag aus Wertpapieren und ähnlichen Kapitalanlagen erhoben. Branson plädiert für eine Reform der Steuern, was auch ihre Abschaffung bedeuten könnte.

Narrow-Banken, Crowdlender, Kapitalmarkt – damit wäre es also möglich, Banking ohne traditionelle Banken zu betreiben. Wahrscheinlich ist dieses Szenario für die nahe Zukunft hingegen nicht.

Banken geniessen trotz allem immer noch grosses Vertrauen ihrer Kundschaft und sind selbst gerade daran – auch über Kooperationen mit innovativen Fintech-Start-ups –, sich zu digitalisieren.

Denn um fair zu sein, das Gates-Bankenzitat geht folgendermassen weiter: «Do you think someday we can open a bank account or ask for a loan without physically have to come to the bank?»

Gates meinte also, dass es dank der Digitalisierung Banken in ihrer physischen Form irgendwann nicht mehr braucht. Diesen Zustand haben wir tatsächlich schon erreicht. Ich bekomme heute fast alles via digitale Kanäle – vom Konto bis zur Hypothek.

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