Markttechnik / A. Cortés

Baustelle Swiss Market Index

Finanzmärkte, vor allem Devisen- und Aktienmärkte, sind komplex. Das liegt nicht an der Materie per se, sondern daran, dass Millionen von Gehirnen sich mit grosso modo denselben Daten zu mehr oder weniger derselben Zeit auseinandersetzen. Beim Versuch, deren Bedeutung für die Zukunft zu eruieren, gelangen sie nicht zu übereinstimmenden Ergebnissen.

Die Zeithorizonte, die sie zur Ermittlung ihrer Erwartungen bestimmen, sind verschieden. Die Mittel dazu, handle es sich dabei um technologische oder materielle Ressourcen, Ausbildung, ebenso Intellekt (nicht unbedingt mit Ausbildung zu verwechseln), und die Volatilitätstoleranz erst recht. Im Prinzip ist die Ausgangslage klar: Die Erwartungen, die gebildet werden, sind heterogen.

Kurshistorie und Narrativ

Würde es dabei bleiben, würden die Kurse von Tag zu Tag viel stärker schwanken, als sie es tun. Es gäbe keine Trends, die sich nach oben, unten oder seitwärts innerhalb von Standardabweichungen – wie sie etwa die 20-Monate-Bollinger-Bänder darstellen – entwickeln, über Monate, meistens sogar Jahre. Der Grund dafür liegt ganz einfach darin, dass es etwas gibt, was heterogene Erwartungen bis zu einem gewissen Grad homogenisiert. Dieses Etwas kommt auf zwei Ebenen daher: Kurshistorie und Narrativ.

Viele akademische Untersuchungen zeigen, dass Kursverläufe die Auswahl, die Gewichtung und die Interpretation von Nachrichten beeinflussen. George Soros hat gezeigt, dass Kursverläufe sogar fundamentale Daten, die sie darstellen sollten, sehr stark verändern können. Kurstrends laufen fast immer in Exzesse hinein. Sie kommen bei kurzfristiger Betrachtung vor und führen zu Konsolidierungen. Sie verstärken primäre Trends. Exzesse mittelfristiger Trends führen zu Rückschlägen, von Technikern als sekundäre Trends bezeichnet, wie im vierten Quartal 2018.

Auferstehung des Narrativs

Gegen die primären Trends laufende sekundäre Trends enden dadurch, dass smarte Anleger sich an die zweite Komponente erinnern, die Erwartungen homogenisiert: das Narrativ, die sinnstiftende Erzählung, die einen globalen Trend in einer globalisierten Welt auslöst und trägt. Rückschläge werden als Kaufgelegenheit betrachtet, solange das Narrativ nicht verworfen wird.

Aus meiner Sicht ist das Narrativ seit nunmehr vier Jahren Innovation. Schumpeters schöpferische Zerstörung ist am Werk. Es wurde ab Ende Oktober 2018 suspendiert, aber nicht beerdigt. Daher der Titel der Kolumne vom 31. Oktober 2018: Morgenröte über dem SMI (SMI 9582.08 -0.8%). Als Grund nannte ich die vorübergehende globale Präferenz defensiver Sektoren, darunter Healthcare und Consumer Staples, die rund zwei Drittel des SMI ausmachen, und den besonders prononcierten sekundären Abwärtstrend von Information Technology im Rahmen eines globalen primären Aufwärtstrends.

Nun lebt das Paradigma Innovation als Homogenisierungsfaktor wieder auf. Information Technology und aus anderen Sektoren stammende Aktien innovationslastiger Unternehmen gewinnen wieder an relativer Stärke. Healthcare bleibt zwar noch attraktiv, was dem SMI Stütze bietet. Ihm fehlen jedoch Aktien mit hoher Gewichtung, die vom aktuellen Zyklus profitieren. Das führt zu meiner Auffassung, dass der SMI sich weiter in dem seit Januar 2018 etablierten primären Seitwärtstrend, wie in den 20-Monate-Bollinger-Bändern dargestellt, bewegen wird.

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