Unternehmen / Ausland

Bayer bildet keine Rückstellungen

52 Todesfälle werden inzwischen mit dem cholesterinsenkenden Medikament Lipobay/Baycol des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer in Verbindung gebracht. In den USA sind diese Woche erste Sammelklagen gegen den deutschen Hersteller eingereicht worden. Weitere werden vorbereitet. Ausser reinem Schadenersatz werden auch Strafzahlungen wegen Fehlverhaltens (Punitive damage) verlangt – Forderungen, die gerade für Pharmaunternehmen sehr hoch ausfallen können.
Als Bayer vergangene Woche bekannt gab, das Mittel werde überall – ausser in Japan – zurückgezogen, brach die Aktiennotierung 20% ein. Lipobay/Baycol war eines der wichtigsten und vielversprechendsten Produkte des Konzerns. Die Nachricht von den eingegangenen Klagen hat nun einen neuen Kurssturz ausgelöst: Seit Mittwoch haben die Titel weitere 9% eingebüsst und notierten am Freitagmittag 33 Euro.
Bayer-Chef Manfred Schneider hält die Klagen für unberechtigt. Seit der behördlichen Zulassung 1997 gebe es auf dem Beipackzettel Warnhinweise auf mögliche Nebenwirkungen. Die Verantwortlichen sind überzeugt, sich vor Gericht durchsetzen zu können, und sehen keinen Grund, Rückstellungen zu bilden. Der Konzern vertritt offenbar den Standpunkt: Wer sich nichts zu Schulden kommen lassen hat, benötigt keine Rückstellungen. Fälle wie dieser gleichen jedoch einer Pandorabüchse – sind die Klagen einmal vor Gericht, ist der Deckel leicht zu öffnen.
Rückstellungen sind deshalb kein Schuldeingeständnis, sondern eine Vorsichtsmassnahme. Sie können verunsicherten Anlegern auch als Orientierungshilfe dienen. Der Ertragsausfall durch den Rückzug des Medikaments ist einigermassen quantifizierbar (vgl. FuW Nr. 62 vom 11.August), nicht aber das Resultat der Klagen. Rückstellungen würden die auf dem Aktienkurs lastende Ungewissheit – auf Kosten einer zusätzlich belasteten Erfolgsrechnung – reduzieren: Sollte es zu Zahlungen kommen, wäre zumindest teilweise vorgesorgt. Der Unsicherheitsmalus würde sich nicht mehr auf die mögliche Gesamtsumme beziehen, sondern nur noch auf eine allenfalls über die Rückstellungen hinausgehende Mehrbelastung.
Die Ungewissheit macht es Bayer schwer, für die geschwächte Gesundheitssparte bzw. den angeschlagenen Pharmabereich eine Lösung zu finden. Mögliche Partner werden wegen der Klagen den Preis drücken, was Bayer davon abhalten wird, bald eine Kooperation einzugehen. Mit einem Pharmabereich weiterzuarbeiten, der zu klein und deshalb kostenintensiv ist, kann auf längere Sicht aber auch keine Lösung sein.
Bis sich der Nebel lichtet, dürfte es noch eine Weile dauern. Die Verschiebung der Kotierung an der New Yorker Börse ist ein Beleg dafür.CB

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