Zum Thema: BCG: «Bankenkonsolidierung wird weitergehen»

BCG-Kessler: «Beschleunigte Konsolidierung»

Daniel Kessler, Managing Partner BCG Switzerland, ist optimistisch für das Schweizer Vermögensverwaltungsgeschäft. Die Schweiz müsse aber der Rechtssicherheit Sorge tragen.

Herr Kessler, im soeben präsentierten «Global Wealth Report» gibt sich Boston Consulting optimistisch für das Vermögensverwaltungsgeschäft. Ist der Optimismus gerechtfertigt?
Trotz aller Probleme und Herausforderungen: Das Wealth Management ist und bleibt eine grosse Wachstumsindustrie. Seit Jahren werden die Erträge durch die gute Performance der Märkte getrieben und auf globaler Basis schöne zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Allerdings darf und sollte auch nicht übersehen werden, dass sich die Profitabilität für Schweizer Vermögensverwalter seit der Finanzkrise von 40 auf gut 24 Basispunkte beinahe halbiert hat. Trotz Volumenausweitung haben es die Banken nicht geschafft, den Ertrag zu steigern. Die Kosten der zunehmenden Regulierung sowie Aufwendungen für Restrukturierungen belasten.

Wie werden sich die Margen im Schweizer Private Banking in den nächsten Jahren entwickeln?
Die Margen werden sich im besten Fall stabilisieren. Wie ein Damoklesschwert hängen verschiedene Risikofaktoren über den Banken: die Zins-, die Währungs- und die Marktentwicklung. Wenn die Märkte korrigieren – und irgendwann werden sie korrigieren –, muss sich das negativ auf die Vermögensverwalter auswirken. Der Frankenschock hat viele der weniger international ausgerichteten Privatbanken sehr stark getroffen. Das wird die Konsolidierung beschleunigen.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für den Finanzplatz Schweiz?
Der Finanzplatz Schweiz steht seit längerer Zeit zunehmend in Konkurrenz mit Offshore-Finanzplätzen wie Singapur, Hongkong, London oder Panama. Das hat Folgen dafür, wie sich die Schweiz positionieren muss. Privatbanken, die sich dem neuen Umfeld angepasst und Kosten herausgenommen haben, die also ihre Hausaufgaben gemacht haben, können nun über Akquisitionen nachdenken.

Das klingt wohl einfacher, als es ist.
Entscheidend ist das qualitative Wachstum.  Die Zeiten, in denen in der Vermögensverwaltung das Volumen das Mass aller Dinge war, sind vorbei. Wenn und falls die Märkte korrigieren, wird sich die Konsolidierung nochmals beschleunigen. Mit dem Fortschreiten des US-Programms kommt ebenfalls Bewegung in die Private-Banking-Szene. Nun geht es für Banken darum, die Vertriebsorganisationen anzupassen und die Frontorganisationen umzustellen. Die Kundenberater müssen viel mehr Zeit mit ihren Kunden verbringen. Es gilt, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und effizienter zu werden.

Boston Consulting hat früher als andere Berater gewarnt, dass die Rechtssicherheit in der Schweiz abnimmt. Konnte dieser Trend gestoppt werden?
Nein. Und die abnehmende Rechtssicherheit in der Schweiz ist ein nicht zu unterschätzendes Problem. Sie ist ein Grund dafür, dass internationale Grossbanken Vermögen unter Verwaltung in Offshore-Zentren umschichten, wo sie sich eine grössere Rechtssicherheit und Planbarkeit als in der Schweiz erhoffen. Die Schweiz hat in dieser Frage in den letzten Jahren nachgelassen. Nun sind die Regulatoren und die Politik gefordert, zusammen mit den Banken wieder einen verlässlichen Rahmen festzusetzen. Wir leben in einer Welt, in der wir eine regulatorische Kongruenz erleben. Alle Finanzplätze werden eine ähnliche Entwicklung sehen.

Trotzdem glauben Sie, dass die Vermögen unter Verwaltung in der Schweiz zunehmen werden.
Ja, wir gehen davon aus, dass die in der Schweiz verwalteten Vermögen weiter wachsen werden. Allerdings werden weniger und vielleicht auch andere Märkte als in der Vergangenheit Impulse geben. In der alten Welt wird es im besten Fall gelingen, dank der Marktperformance Abflüsse zu kompensieren.

Welche Märkte könnten dem Finanzplatz Schweiz Wachstumsimpulse geben?
Ein überdurchschnittlich grosses Wachstum von 8 bis 12% pro Jahr werden die verwalteten Vermögen aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika liefern. Das sind Märkte, für die die Schweiz geografisch sehr gut gelegen ist. In anderen Märkten ist es für Schweizer Anbieter schwieriger geworden. In der alten Welt, insbesondere in Westeuropa, können die steuerbedingten Rückflüsse wie erwähnt im besten Fall durch die Marktperformance kompensiert werden. Aber auch hier gilt: Die Banken müssen viel fokussierter sein als in der Vergangenheit.

Worauf kommt es an?
Unserer Meinung nach gibt es fünf Erfolgsfaktoren für ein Buchungszentrum: Zuerst ist die geografische Nähe zu den Kunden wichtig. Es braucht zweitens ein hohes Mass an Professionalität und einen hohen Servicestandard. Der Zugang zu internationalen Finanzmärkten muss drittens garantiert sein. Ein Buchungszentrum braucht viertens finanzielle und politische Stabilität. Und schliesslich muss wie erwähnt die Rechtssicherheit hoch sein. Über diese Faktoren konnte sich die Schweiz schon in der Vergangenheit von der Konkurrenz absetzen.

Wir werden also eine Regionalisierung des Private Banking sehen?
Ja, aber für Schweizer Banken bedeutet das nicht, dass sie nicht wachsen können. Der Nahe Osten und Afrika sowie Osteuropa sind sehr dynamische Märkte, auf denen der Schweizer Finanzplatz eigentlich einzig mit Grossbritannien konkurriert. Was Asien betrifft, so sind die grössten Schweizer Mitspieler schon gut verankert, und sie wollen und werden weiter zulegen. Für kleinere Mitspieler ist es jedoch schwieriger, im hart umkämpften asiatischen Markt profitabel zu operieren. Im Gegenzug ist es aber durchaus denkbar, dass asiatische Banken in der Schweiz Vermögensverwalter übernehmen werden. Fünf der zehn weltweit grössten Banken kommen aus Asien, davon wiederum vier aus China.

Wie beurteilen Sie die Risk-Reward-Situation in Osteuropa?
Das hängt davon ab, wie eine Bank dieses Geschäft betreibt. Das Wachstum in diesen Märkten ist zweifellos vorhanden, und es gibt solide Kundensegmente mit grosser Nachfrage nach professionellem Wealth Management, die für die Schweizer Banken durchaus spannend sind. Wie in allen Emerging Markets gilt es auch hier, die regulatorischen, politischen und makroökonomischen Entwicklungen genau zu verfolgen, um bei Veränderungen rasch reagieren zu können.

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