Märkte / Aktien

«Bei Novartis und Roche ist Vorsicht angebracht»

Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, befürchtet keinen Börseneinbruch von 20% oder mehr und empfiehlt die Aktien des Technologieausrüsters VAT.

Herr Stucki, sind die Börsen bloss in einer Korrektur oder kommt eine lange Baisse?
Der Schweizer Aktienmarkt ist immer noch im Handelsband, in dem er sich das ganze Jahr über bewegt hat: Der Swiss ­Performance Index schwankt zwischen 10 000 und 11 000. Die untere Grenze hält, Basis ist die immer noch gut laufende Weltwirtschaft. Für einen Ausbruch nach oben fehlt die Fantasie. Deshalb ist das Band ziemlich stabil.

Es gibt also keinen Absturz?
Nein, ich befürchte keine Verluste von 20% oder mehr. Das Handelsband des SPI (SXGE 11880.9 -0.63%) sollte zumindest Anfang 2019 Bestand haben, das Auf und Ab auf Seitwärtsbasis setzt sich fort. Die Gefahr, dass der Aktienmarkt im Jahresverlauf nach unten ausbricht, ist aber grösser als die Chance auf eine Hausse, denn die wirtschaftliche Dynamik in den Industrieländern lässt nach.

Bei einigen Schweizer Aktien ist der Kurs markant gesunken, die Bewertung ist nun günstiger. Gibt es Einstiegsgelegenheiten?
Solche Aktien sind in den letzten zwei Jahren sehr gut gelaufen, nun ist die stolze Bewertung korrigiert worden. Ein anderer Faktor ist die Liquidität, die bei manchen Titeln gering ist. Beides hat zu grossen Kursverlusten beigetragen. Eine Einstiegsgelegenheit bietet sich allenfalls bei qualitativ guten Unternehmen mit einem robusten Geschäftsmodell.

Welche gefallenen Aktien empfehlen Sie?
Gute Industrieunternehmen, konkret den Vakuumventilhersteller VAT. Anleger müssen sich aber bewusst sein: Solang die Marktstimmung angespannt bleibt – und das dürfte sie 2019 bleiben –, ist die Chance für eine schnelle Erholung gering. Es bieten sich aber Gelegenheiten für eine längerfristige Investition. Nur darf man nicht erwarten, dass die Kurse in einem Monat wieder auf dem vorherigen Niveau stehen.

Welche weiteren Titel stechen hervor?
Unter den Fallen Angels mit grossem Kursverlust sehe ich keine weiteren klaren Einstiegskandidaten. Anleger sollten vorsichtig sein, denn solche Aktien sind nach wie vor mit grösserem Risiko verbunden. Wir empfehlen robuste Qualitätstitel. Lindt & Sprüngli (LISN 78000 -0.89%) ist derzeit sehr attraktiv. Der Lüftungs- und Klimatechniker Belimo (BEAN 5910 -0.67%) profitiert vom Trend zur Energieeffizienz. Positiv beurteile ich auch den Bauzulieferer Sika (SIKA 165.4 -0.87%), der sehr gute Produkte herstellt und den Streit im Aktionariat beendet hat.

Bei welchen Aktien ist Vorsicht geboten?
Im Technologiesektor sind die Kurse deutlich gefallen, doch Anleger sollten vorsichtig sein, denn die Erwartungen an das künftige Wachstum sind immer noch sehr hoch. Der Pharmasektor ist zwar in letzter Zeit gut gelaufen, auch Novartis (NOVN 89.02 -2.07%) und Roche (ROG 274.5 -0.65%). Für die Branche ist aber der Gesundheitsmarkt USA zentral, und dort ist ein neues Parlament gewählt worden – die hohen Medikamentenpreise sind für Politiker ein dankbares Thema. Deshalb ist ebenfalls Vorsicht angebracht.

Nicht nur Novartis und Roche, sondern auch Nestlé (NESN 100.1 -0.89%) haben sich gut gehalten.
Nestlé sehe ich positiv. Der Sektor nicht-zyklischer Konsum ist defensiv und stabil. Die Erwartungen an das Geschäft sind nicht allzu hoch, und die Chance ist gross, dass sie erfüllt oder übertroffen werden.

Der Swiss Market Index ist ebenfalls ­defensiv. Sollen Anleger auf ihn setzen?
Grosse Titel sind stabiler und im aktuellen Umfeld geeigneter als kleine. Besser als auf den SMI (SMI 9838.13 -0.61%) zu setzen, ist es aber, einzelne Aktien auszuwählen – Nestlé oder Versicherungen. Die zwei grossen Pharmatitel hat fast jeder Anleger im Portfolio. Sie sind zu gewichtig, um den Bestand auf null abzubauen, eine Reduktion ist aber sinnvoll.

Im Regionenvergleich ist die Bewertung in Europa günstiger als in den USA. Sind ­europäische Aktien kaufenswert?
Im Gegenteil. Es gibt gute Gründe, weshalb Europa tiefer bewertet ist. Der US-Aktienmarkt ist generell teurer und im derzeitigen Umfeld stabiler – er erholt sich jeweils schneller. Der Wirtschaftsausblick ist in den USA besser abschätzbar als in Europa, das dem Handelsstreit viel stärker ausgesetzt ist – so wie Deutschlands Automarkt. Auch fällt auf, dass die Unternehmensgewinne in den USA weiter deutlich steigen, während in Europa die Erwartungen zügig gesenkt werden. Trotz der recht hohen Bewertung bevorzuge ich ganz klar amerikanische Aktien. Wir sind in den USA über- und in Europa untergewichtet.

Sollten Anleger ihr Aktienportefeuille ­angesichts der Börsenturbulenzen ­verkleinern oder absichern?
Absichern ist nur dann günstig, wenn es niemand tut – derzeit ist es teuer. Das rentiert für den durchschnittlichen Investor nicht. Wir empfehlen, die Aktienquote beizubehalten. Wenn die Strategie gut definiert ist und dem Anleger keine Situation droht, in der er Aktien verkaufen muss, sollte er nicht abbauen. Im Portfolio sollte man die Geschäftsmodelle der Unternehmen überprüfen und sich auf die konzentrieren, die eine Schwächephase über­stehen. Wer den Aktienbestand reduziert, erwischt den besten Zeitpunkt zum Wiedereinstieg kaum und verpasst einen Teil des nächsten Aufschwungs.

Ein Grund für die fallenden Aktienkurse ist die Furcht vor einer Rezession.
Zwar werden die Wachstumsraten 2019 kleiner, für die USA rechnen wir mit 2% und für die Schweiz mit 1,5%. Aber ich sehe keinen schnellen Rückfall in eine Rezession. Die US-Wirtschaft läuft auf vollen Touren. Das Fed wird die Zinsen nächstes Jahr weiter erhöhen, was die Wirtschaft bremst – wie in einem klassischen Wirtschaftszyklus. Für 2019 oder 2020 ist keine Rezession wie 2009 zu befürchten, auch in Europa nicht. Das Wachstum ist nicht ­brillant, aber auch nicht desaströs.

Die Zinsen sind deutlich gesunken. Ist das kein schlechtes Omen für die Konjunktur?
Die langfristigen Zinsen sind übertrieben stark gefallen. Sie sollten nun eher etwas steigen, auch in Europa. Wir erwarten eine Bewegung in Stufen, so wie seit 2016: Die Zinsen machen einen Sprung nach oben, dann folgt eine längere Konsolidierungsphase, in der sie leicht zurückkommen. Sodann folgt die nächste Stufe. Im kommenden Herbst sollten die zehnjährigen Zinsen in der Schweiz einen knappen halben Prozentpunkt höher liegen als heute.

Weshalb steigen die Zinsen?
Die EZB dürfte trotz schwächerer Konjunktur im September 2019 die Leitzinsen hinaufsetzen. Dann wird auch die SNB (SNBN 5430 -1.09%) nachziehen. Die Erwartung dieser Leitzinserhöhungen drückt im Verlauf des Jahres die langfristigen Zinsen nach oben. Zudem schwappen die steigenden US-Zinsen hinüber nach Europa.

Was für Obligationen gehören im ­Tiefzinsumfeld ins Portfolio?
Anleihen dienen schwergewichtig als Risikostabilisator, als Gegengewicht zu den Aktien. Geeignet sind Anleihen guter Bonität mit Renditen knapp über null, auch Unternehmensanleihen. Investoren sollten nicht zu viel Risiko eingehen im Bewusstsein, dass die Rendite gering ist. Sehr wichtig im Umfeld steigender Zinsen ist eine Staffelung der Verfallzeitpunkte, damit man immer wieder am Ende der Laufzeit zu höheren Zinsen reinvestieren kann.

In letzter Zeit sind Aktien und Anleihen manchmal gleichzeitig gefallen. Funktioniert die Diversifikation nicht mehr?
Es dürfen nicht zu viele Anleihen im Portfolio sein, die versteckte Aktien sind, die also faktisch ein Aktienrisiko enthalten. Dazu gehören hochverzinsliche Obligationen. Ich habe lieber ein bisschen mehr Aktien und dafür sichere Anleihen als Gegenpol. Für Privatanleger, die keine ­Negativzinsen bezahlen müssen, ist es auch sinnvoll, liquide Mittel zu halten.

Wohin steuert der Franken?
Der Franken wird nächstes Jahr erneut stärker, der Kurs des Euros sinkt. Die Probleme in der Währungsunion sind ungelöst, und es ist keine Euro-Euphorie in Sicht. Ich befürchte aber nicht, dass der Euro abstürzt. Der Kurs dürfte von derzeit über 1.12 gegen 1.10 Fr./€ sinken. Der Dollar sollte stabil um die Parität bleiben.

Wie gut verkraften die Exporteure einen stärkeren Franken?
Es kommt immer darauf an, wie schnell sich der Wechselkurs bewegt. Mit einer schleichenden Aufwertung wie dieses Jahr können die Exporteure umgehen, und 1.10 Fr./€ sind zu bewältigen. Hilfreich ist, dass der Dollar stabil bleibt. Einschneidender als die Wechselkurse ist das geringere Wirtschaftswachstum in den Abnehmerländern. Deshalb sind die Aussichten für die Exporteure durchzogen.

Was unternimmt die SNB?
Sie lässt den Franken laufen. Die SNB greift dann ein, wenn der Eurokurs in ­kurzer Zeit deutlich unter 1.10 Fr./€ fällt, doch damit rechne ich nicht.

Sollen Anleger das Währungsrisiko ­absichern?
Wenn es ganz grob wird an den Finanzmärkten, dann ist der Franken ein sicherer Hafen – das gilt immer noch genau gleich wie früher. Wir haben deshalb in unseren Portfolios generell einen hohen Anteil von etwa 80% in Franken.

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