Luxus / Kunst 13:19 - 24.01.2017

Beirut, die Kunst des Widerstands

Dino Auciello
Dank Unterstützung der Mäzene brodelt das zeitgenössische Kunstschaffen im Herzen der Metropole der Widersprüche.

Ein Baum, der dem härtesten Winter und den schlimmsten Stürmen widersteht: Es ist kein Zufall, dass die Zeder das Emblem des Libanon ist, eines von Tod und endlosen Konflikten geplagten Landes. Die Einwohner, gezeichnet von den Spuren des Bürgerkriegs, versuchen den Wiederaufbau und damit die Bewahrung eines fragilen Gleichgewichts.

Kunst wird zum Mittel des Widerstands, zum Ausdruck des Glaubens an die Zukunft des Landes. In Beirut brodelt das künstlerische Schaffen und sorgt so für einen tröstlichen Kontrast inmitten halb zerfallener Häuser. Widersprüche machen die Hauptstadt zum Ort des Experimentierens und zur Hochburg der arabischen Kultur. Davon zeugt auch der internationale Erfolg der noch jungen Beirut Art Fair.

Während wegen der schwachen Regierung öffentliche Initiativen noch wenig Resultate zeigen, verzeichnen die Galerien für zeitgenössische Kunst seit einigen Jahren einen beachtlichen Aufschwung. Einige stellen sich eher in den Dienst lokaler Künstler, andere wiederum richten sich international aus.

«Dank vielen herausragenden Künstlern geniesst die libanesische Szene heute weltweite Beachtung», so Marie Muracciole, Direktorin des Beirut Art Center. «Wir befinden uns nicht mehr in einer Situation des radikalen Bruchs wie nach dem Bürgerkrieg, als die Künstler gezwungen waren, zu arbeiten, um ihr Leben zu bestreiten und nicht um Karriere zu machen. Damals gab es schlicht keinen Markt. Heute ist es völlig anders.»

Steigende Werte

Vor allem in der Malerei und Fotografie brachte der Bürgerkrieg eine neue Künstlergeneration hervor. Walid Raad wählt für seine Analyse der Politik, die in den letzten Jahren den Mittleren Osten geprägt hat, verschiedene Kunstformen.

Der Konzeptkünstler Marwan Rechmaoui untersucht in seinen Installationen die Topografie von Beirut, die durch die sozioökonomische Veränderungen modelliert wurde. Die Videoinstallation von Akram Zaatari, eines der einflussreichsten Künstler seiner Generation, beschäftigt sich mit den Lebensbedingungen in der Nachkriegszeit.

«Die Geschichte des Libanon mit seinen internen und regionalen Konflikten haben die Erinnerungs- und Identitätsarbeit präsent gemacht», erklärt Naila Kettaneh Kunigk, die ihre Galerie Tanit vor acht Jahren im populären, pulsierenden Quartier Mar Mikhael eröffnete, ein paar Jahrzehnte nachdem sie die gleichnamige Galerie in München mitbegründet hatte.

Ihre neueste Entdeckung ist Ghassan Zard, libanesischer Maler und Bildhauer, der berühmt ist für seine Werke «Lebensformen», in denen er Kindheit und Nostalgie thematisiert. Seine jüngste Installation «75 Turtles» (Schildkröten, aus Harz und Glasfaser) tourte letztes Jahr durch das Land. «Dass die Arbeiten unserer Künstler grosse Wert schätzung geniessen, zeigen Ergebnisse an Auktionen, die sie oft dominieren», stellt Johnny Mokbel fest, dessen Familie eine bedeutende Kollektion libanesischer und internationaler Künstler besitzt.

2015 verkaufte der Geschäftsmann vierzehn seiner Bilder, darunter «Babel» von Ayman Baalbaki, einem aufsteigenden Kunstschaffenden, der seine Inspirationen aus dem Krieg schöpft. «Das Werk erzielte bei Christie’s in Dubai 485‘000 $, was für diesen Künstler einen Rekordpreis darstellt. Für Bilder ähnlicher Grösse werden etwa 150’000 $ bezahlt.»

Hochkarätige Ausstellungen

Das durch Spenden finanzierte Beirut Art Center (BAC) verfügt über fast 1500 Quadratmeter Fläche, die Ausstellungen zählen zu den angesagtesten im Mittleren Osten. Direktorin Marie Muracciole betont den experimentellen Aspekt der Kunst.

Ihr Ziel: «Die Begegnung von Künstlern, die man hier noch nie gesehen hat, und lokalen Kunstschaffenden. Kontexte aufzeigen von hiesigen und fremden Kunstszenen, Südafrika und Nigeria beispielsweise.» Sie freut sich über zahlreiche neue Projekte wie das neu eröffnete Sursock-Museum im früheren Privathaus des gleichnamigen Mäzens im Herzen des historischen Stadtteils Achrafieh.

Im Norden der Hauptstadt verkörpert die Stiftung Aïshti eine ganz andere, luxuriöse Dimension dieser schizophrenen Stadt. Die einzigartige Architektur dieses Tempels, dessen Wert auf über 100 Millionen Euro geschätzt wird, beherbergt Dutzende von Luxusboutiquen sowie die Kunstsammlung des Hauseigentümers, des libanesischen Magnaten Tony Salamé, mit 2000 Werken von 145 internationalen, hochkotierten Künstlern. «Es gibt ein Bedürfnis nach Kultur, die Menschen wollen die missmutige Politik vergessen», betont Naila Kettaneh Kunigk. «Beirut zählt viele Kunstschulen und Universitäten.

Für junge Menschen ist Kunst eine Möglichkeit, in die Zukunft zu schauen. Sie sind unsere Hoffnungsträger.» Ashkal Alwan ist eine libanesische Stiftung für plastische Kunst und hat massgebend dazu beigetragen, junge Talente bekannt zu machen, vor allem dank der Initiative der Mitbegründerin und Direktorien Christine Tohmé, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstszene. 2011 eröffnete die Stiftung die Homework Space, wo eine mehrmonatige Ausbildung angeboten wird.

Die umfangreichste Kollektion

«Gewiss ist Dubai die wichtigste Basis für Kunst im Mittleren Osten. Aber die beiden Städte sind nicht wirklich vergleichbar. In Beirut sind es vor allem Privatmäzene und Sammler, die den Markt bestimmen», erklärt Naila Kettaneh Kunigk.

Diese Geschäftsleute und Wohltäter der Kunst wollen ein Erbe bewahren, vor allem auch weil Schätze der arabischen Kunst in den Nachbarländern Syrien und Irak gefährdet oder gar zerstört sind. «Hier ist der Kunstmarkt sehr aktiv, selbst wenn die wirtschaftliche und geopolitische Situation das Schlimmste erahnen lassen. Man darf nicht vergessen, dass die libanesische Diaspora sehr gross ist und oft Künstler unterstützt. Unsere Familie ist ein gutes Beispiel dafür», erklärt Basel Dalloul.

Zusammen mit seinem Vater Ramzi hat er die zweifellos grösste Kollektion moderner arabischer Kunst aufgebaut. Etwa 3500 Werke aus Palästina, Irak, Syrien und Tunesien können im mehrstöckigen Gebäude im Stadtzentrum wie in einem Museum besichtigt werden.

Hier sind die grossen libanesischen Namen vertreten, vom abstrakten Maler Nabil Nahas bis zu den Brüdern Marc und Paul, Söhne des legendären Paul Guiragossian, aber auch aufstrebende Künstler wie die Malerin Taghreed Dargouth, der im privaten Ausstellungssaal ein eigener Bereich gewidmet ist.

Die Dallouls planen in den nächsten Jahren den Bau eines Museums, um ihre einzigartige Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für die Familie, die auch von andern Kunstzentren der Region umworben wird, ist es aber keine Frage, dass das Museum in Beirut stehen wird, dem «historischen kulturellen arabischen Zentrum».

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