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Belastungsprobe für amerikanische Aktien

An den US-Börsen haben dieses Jahr bisher Titel aus dem IT-Sektor überzeugt. Für das zweite Semester müssen Investoren mit erheblichen Risiken rechnen.

Wer zur Jahresmitte Zwischenbilanz zur Performance seines Portfolios zieht, mag gemischte Gefühle verspüren. Langweilig war das erste Semester 2018 aber auf gar keinen Fall. Das gilt speziell für das Geschehen an den amerikanischen Börsen, die wie oft den Takt an den Märkten rund um den Globus vorgegeben haben.

Hektisch ging es gleich von Beginn weg los. Die Euphorie über das neue Steuergesetz gab US-Aktien Anfang Jahr kräftig Auftrieb. Der S&P 500 preschte bis am 22. Januar nahezu 8% auf ein Allzeithoch von 2872,87 vor. Fast über Nacht drehte die Stimmung dann. Höhere Zinsen und steigende Inflationserwartungen lösten einen Panikschub aus, worauf sich Investoren mit der ersten 10%-Korrektur seit zwei Jahren konfrontiert sahen.

Seither haben sich die Kurse zwar erholt. Die Bestmarke vom Januar bleibt aber unerreicht. Zum Stand per Jahresmitte notiert der S&P 500 (SP500 2826.06 0.14%) rund 2% im Plus, für Blue-Chip-Werte aus dem Dow Jones (Dow Jones 25585.69 0.37%) resultiert ein Minus von gut 1%. «Mit dem Dow haben Investoren dieses Jahr bisher überhaupt kein Geld verdient», kommentiert David Rosenberg vom Vermögensverwalter Gluskin Sheff trocken.

IT-Werte preschen vor

Im internationalen Vergleich schneiden andere bedeutende Börsenplätze wie London, Tokio, Frankfurt oder Zürich allerdings noch schwächer ab. Besonders schlimm hat es Valoren aus den aufstrebenden Märkten erwischt. Schweizer Anlegern, die in US-Aktien investieren, hat der festere Dollar zudem etwas geholfen. Ganz stattlich sieht es sogar für den Nasdaq Composite aus, der gegen Mitte Juni auf einen neuen Rekord gestiegen ist und seit Anfang Jahr eine Avance von nahezu 8% verbucht. Wacker geschlagen haben sich ebenfalls kleinkapitalisierte Werte aus dem Russell 2000.

Nach Sektoren rangieren Aktien aus dem Technologiebereich wie Netflix (NFLX 354.39 0.62%), Twitter (TWTR 37.41 0.59%), Amazon (AMZN 1823.28 0.43%), Microsoft (MSFT 126.24 0.05%) und Facebook (FB 181.06 0.1%) einmal mehr unter den grössten Gewinnern. Insgesamt macht das IT-Segment inzwischen gut 26% der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus, kalkuliert Investmentberater Ed Yardeni von Yardeni Research. Zum Vergleich: Auf dem Zenit der Technologieblase im Jahr 2000 belief sich der Anteil auf über 30%. Besonders viel Freude machten Investoren ebenso die Titel der Kreditkartengesellschaften MasterCard und Visa (V 162.64 0.7%).

Nicht überall lief es so rund. Tragisch ist beispielsweise das Schicksal des Industriekonglomerats General Electric (GE 9.45 -1.15%), dessen Aktien im ersten Semester weitere 25% verloren haben und ab dieser Woche erstmals seit mehr als 111 Jahren nicht mehr im Dow vertreten sind. Auch andere Industriewerte wie Stanley Black & Decker und Cummins zählen zu den grossen Verlierern. Unter Druck geraten sind ebenso Valoren aus dem Bereich Basiskonsum wie General Mills (GIS 52.81 -1.16%), Walmart (WMT 102.67 0.8%) und Philip Morris. Das Gleiche gilt für die Telecomtitel Verizon (VZ 59.32 0.76%) und AT&T (T 32.27 0.4%), deren feudale Dividendenrendite im Umfeld höherer Zinsen an Attraktivität verliert.

[info 4R]Die grosse Frage ist damit, was das zweite Halbjahr bringt. Kommt es in den nächsten Wochen nicht zu einem Crash, kann Wallstreet Ende August die längste Hausse der Nachkriegszeit feiern. Zum Kurs-Gewinn-Verhältnis 17 auf Basis der Schätzungen für die kommenden zwölf Monate sind amerikanische Aktien historisch nach wie vor stolz bewertet, was zu Vorsicht mahnt.

Eine wichtige Belastungsprobe steht schon Anfang Juli an, wenn die ersten Konzerne über den Geschäftsgang im zweiten Quartal berichten. Im ersten Quartal haben die Unternehmen aus dem S&P 500 ihr Ergebnis fast 25% gegenüber dem Vorjahr verbessert, was vor allem der Steuerkürzung zu verdanken ist. «Das sind Top-Resultate für eine so späte Phase im Konjunkturzyklus», bemerkt Anlagespezialist Jim Bianco. Entsprechend schwierig werde es nun, das Gewinnwachstum überhaupt noch zu steigern.

Risikofaktor Washington

Zu den grössten Unsicherheitsfaktoren zählt die Politik. Ökonomen erwarten zwar, dass die US-Wirtschaft 2018 beachtliche 3% expandieren wird. Eskaliert der Handelsstreit aber weiter, wird das die Perspektiven trüben. «Wir werden wohl bald die ersten Folgen in den Konjunkturdaten sehen», warnt etwa Torsten Sløk von der Deutschen Bank. Zudem finden Anfang November die Zwischenwahlen im Parlament statt. Gelingt es den Demokraten, das Repräsentantenhaus zu erobern, sind die Chancen für weitere Konjunkturimpulse aus Washington gering.

Risiken gehen ebenso vom Federal Reserve aus. Die US-Notenbank hat Mitte Juni das Zielband für den Leitzins auf 1,75 bis 2% angehoben und will bis Ende Jahr zwei weitere Schritte machen. Zudem erreicht das Programm zum Abbau der Fed-Bilanz ab Ende Oktober mit einer monatlichen Reduktion von 50 Mrd. $ seine volle Kapazität, wodurch sich die Geldpolitik zusätzlich verschärfen wird. Es würde daher nicht überraschen, wenn es an den amerikanischen Börsen auch im zweiten Semester turbulent zu- und hergeht.

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