Die Kulturinstitutionen im Herzen der serbischen Hauptstadt sind ausser Betrieb. Das Nationalmuseum, grösstes Museum des Landes, ist seit den 2000er-Jahren weitgehend geschlossen.

Ebenso das majestätische, 5000 Quadratmeter umfassende Museum für Moderne Kunst (Museum of Contemporary Art Belgrade, MoCAB) am Ufer der Safe, das 1965 im «Neuen Belgrad», dem heute wichtigsten Geschäftsviertel der Stadt, eröffnet wurde.

Vor Ort kann man lediglich die Arbeiter beim Kommen und Gehen sowie die Gerüste sehen, die seit 2007 die Glas- und Marmorwände abdecken. «Nach der Finanzkrise fehlt es den Behörden nicht nur an Geld, sondern auch am Willen, die Probleme zu lösen», erklärt Zoran Erić.

Der Chef der Abteilung «Sammlungen und Ausstellungen» des MoCAB trotzt der misslichen Lage, indem er künstlerische Projekte in der Stadt multipliziert und die internationale Zusammenarbeit intensiviert.

Die Situation könnte sich allerdings bald bessern. «Das Nationalmuseum wird nächstes Jahr wieder eröffnet, und am 20. Oktober wird das MoCAB eingeweiht», freut sich Zoran Erić. Ein symbolträchtiges Datum, denn es ist der Geburtstag der Befreiung Belgrads von Hitlers Truppen.

Die achttausend Werke, darunter Kunst von Andy Warhol, Joan Miró und Marina Abramović, die noch in den Tresorräumen der Nationalbank lagern, werden dann nach und nach in den modernistischen Bau zurückkehren.

Wenig finanzielle Unterstützung

Die Wiederbelebung der Institutionen könnte sich als effizientes Sprungbrett für die serbische Kulturszene erweisen. Schon heute überborden in der Stadt Kreativität und Innovation, aber die wirtschaftlichen Strukturen sind noch schwach. «Das künstlerische Schaffen erhält nur wenig finanzielle Unterstützung», führt Zoran Erić weiter aus.

«Die in den 1940er-Jahren geborenen Künstler geniessen internationale Anerkennung. Aber die jüngere Generation zieht oft gleich nach dem Studium ins Ausland, um dort ihre Kunst weiterzuentwickeln.»

Die serbische Künstlerin Tanja Ostojić wohnt in Berlin. Diesen Sommer präsentierte sie ihre jüngste Arbeit im Salon, einem zum MoCAB gehörenden Kunstraum in der Nähe der Knez Mihailova, wichtigste Fussgängerzone und Geschäftsstrasse der Stadt. Sie zeigte dreiunddreissig Frauen aus dem Balkan, die ebenfalls Tanja heissen.

Ihr Werk thematisiert Migration und Identitätssuche nach der brutalen Zerstörung von Jugoslawien. Zoran Erić: «Kriegshorror, Kollateralschäden für die Wirtschaft, Verstaatlichung der Unternehmen und der Übergang zum kapitalistischen System haben natürlich die Künstler stark betroffen und viele brauchten Zeit, sich an diese Umwälzungen zu gewöhnen. Nach einigen Jahren begannen sie, sich intensiv mit den neuen sozio-politischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.»

«Es tut sich etwas»

Auch die Popkultur erweist sich als kostbare Inspirationsquelle der neuen serbischen Garde. In ihren Installationen setzt sich die 1983 geborene Künstlerin Marina Marković mit dem menschlichen Körper – dem eigenen und fremden – auseinander. 2011 erhielt sie den Mangelos-Preis, der jungen, lokalen Künstlern internationale Möglichkeiten bietet.

Die in New York und Belgrad wohnende Kunstschaffende schlägt eine Brücke zwischen Serbien und der übrigen Welt. Mehr Bekanntheit zu erlangen ist das Ziel von U10, einem 2012 gegründeten Projekt, das alle zwei Wochen Ausstellungen und Performances jeglicher Art organisiert.

Um das ehrgeizige Vorhaben zu konkretisieren, ist es dem Initianten Nemanja Nikolić, 30, gelungen, das Vertrauen eines Sammlers zu gewinnen. «Da die öffentlichen Institutionen nicht in der Lage sind, aufstrebende Künstler zu unterstützen, und es in Serbien noch keinen organisierten Kunstmarkt gibt basiert die Dynamik der Kunstszene vor allem auf mehr oder weniger unabhängigen Kunsträumen. Wir haben einfach versucht, einem sehr aktuellen Bedürfnis zu entsprechen, und möchten der Welt zeigen, dass sich bei uns etwas tut.»

U10 ist auf Erfolgskurs. Der Kunstraum arbeitet mit ausländischen Galerien und Künstlern zusammen. 2015 präsentierte das Kollektiv an LISTE Art Fair im Rahmen der Art Basel ein Dutzend serbischer und regionaler Talente.

Nemanja Nikolić ist ein abstrakter Künstler, der sich an modernistischen Künstlern inspiriert. Seine auf diversen Materialien angefertigten Zeichnungen komplettiert er mit Filmszenen. «Panic Book» ist ein solches Projekt, das er im Sommer in Madrid vorstellte.

Es basiert auf Büchern über marxistische Theorie, die er in seinem Elternhaus entdeckt hatte. «Ich wusste nur wenig über diesen Teil unserer Geschichte, vor allem die ideologische Dimension, die heute in einem gewissen Sinn vergessen gegangen ist. Jugoslawien versuchte damals, einen eigenen Weg zwischen der Sowjetunion und dem kapitalistischen System des Westens zu finden.

Ich begann, diese Bücher zu lesen, und fand spannende Informationen über Entscheide, welche die Region damals fällen musste. Also zeichnete ich in diesen Büchern siebzig Sequenzen aus zwanzig Filmen des Meisters der Spannung, Alfred Hitchcock, die kollektive Hysterie, Angst, Verfolgungen und Paranoia illustrieren.»

Hungrig nach Kunst

Der junge Künstler stellt seine Arbeiten regelmässig im Ausland aus. In Belgrad präsentiert er ab September seine neue Videoinstallation in der Galerie Magacin im Trendquartier Savamala, wo sich auch Kunsträume wie Stab, Gallery 12 HUB oder Remont, eine unabhängige Vereinigung zur Förderung zeitgenössischer lokaler Kunst, befinden.

Die Kosančićev-Venac-Strasse in der Nähe der Branko-Brücke wird gegenwärtig umgebaut und soll zum Treffpunkt von Design und zeitgenössischer Kunst werden. Die Gallery Belgrade, eine von der Stadt in den 1960er-Jahren lancierte Initiative, bietet eine grosse Auswahl von Werken lokaler Künstler zum Verkauf an.

Jährlich finden hier ausserdem fünfzehn Ausstellungen statt. «Wie jedes andere Produkt, muss sich auch die zeitgenössische serbische Kunst effiziente Marketinginstrumente geben», so die Analyse des Direktors Mihailo Petković. «Der Mittelstand verfügt nicht über genügend Mittel, um Kunst zu kaufen. Unser Markt ist klein und zu sehr von Käufern und Unterstützung im Ausland abhängig, um wirklich an Bedeutung zu gewinnen.»

Mihailo Petković, der seit dreissig Jahren als abstrakter Maler tätig ist, hat in Serbien, Ex-Jugoslawien und im Ausland ausgestellt. «Es war ein Wunder, dass meine Kunst anerkannt wurde und dass ich trotz schwierigem Umfeld davon leben konnte», erzählt er auf Serbisch.

Mehrere seiner Werke lagern in den Tresorräumen der Institutionen, die zurzeit renoviert werden. «Als das Nationalmuseum meine Bilder kaufte, war ich der jüngste Künstler», erinnert er sich mit melancholischem Lächeln.

Heute umfasst sein Werk vor allem Metallskulpturen und dreidimensionale Bilder. «Das Publikum hungert nach Kunst und freut sich, endlich Zugang zu den grössten serbischen Sammlungen zu erhalten. Dank einer gut etablierten Museumsinfrastruktur werden auch Galerien und Kunsträume ihre Stellung ausbauen können.

Dieser Dialog zwischen privatem und öffentlichem Sektor sowie die gemeinsame Plattform, wo sich die diversen Akteure begegnen und auseinandersetzen, schaffen eine dynamischere Kunstszene», so die hoffnungsvolle Meinung des Kunstmalers.