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Belmont

«Sonnez et entrez» – läuten und eintreten –, die Aufforderung an der Bürotür von Henry-John Belmont entspricht seinem Führungsstil. Offen und kommunikativ; für ihn ist immer «Tag des offenen Ohres». Belmont, der die Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre in Le Sentier leitet, ist im Herzen Franzose, im Kopf Schweizer, als Stratege Deutscher, aber vor allem Europäer. Er ist seit Anfang Monat im Richemont-Konzern Chief Executive der Uhren-Division mit den Marken, Jaeger-LeCoultre, IWC, Lange & Söhne, Piaget, Baume & Mercier, Vacheron Constantin und Panerai. Er tritt damit die Nachfolge des verstorbenen Günter Blümlein an, der aus Jaeger-LeCoultre, Lange und der Schaffhauser IWC die Uhrengruppe Les Manufactures Horlogères geschmiedet hatte.
Belmonts Grossvater zog 1910 von Schaffhausen in das ostfranzösische Uhrenzentrum Besançon und gründete dort die Marke Titus. Sein Vater Henry-Louis setzte diesen unternehmerischen Anfang fort, machte erst die Uhrenfabrik Yema gross und später die Instrumentenfabrik Sormel. Henry-John erhielt derweil in Besançon sein Rüstzeug bis zum Ingenieur an der Ecole Nationale de Micromécanique et de Chronométrie. Die Managerschule Insead in Fontainebleau schloss er als Master of Business and Administration (MBA) ab. Dem folgten die Offiziersausbildung in der Kriegsmarine und der Einsatz auf einem Schiff zur U-Boot-Bekämpfung. Bis dahin die klassischen Voraussetzungen für eine Top-Karriere in der französischen Wirtschaft. Sie beginnt für Belmont bei Texas-Instruments in Frankreich und Deutschland. Dann braucht der väterliche Betrieb den Nachfolger. Gut 15 Jahre leitete er Yema, die mit zwei Millionen produzierter Uhren im Jahr an die Spitze der französischen Uhrenhersteller aufrückte. Der Versuch damals, angesichts der japanischen Herausforderung ein starkes europäisches Gegengewicht unter dem Einschluss französischer, deutscher und schweizerischer Firmen zu bilden, führte ihn an die Spitze der im Grosskonzern Matra konzentrierten Uhrengruppe. Alles war dort gross, auch die anfallende Drecksarbeit: Das gesteckte Ziel wurde nicht erreicht, massiver Personalabbau war die Folge. Eine Zeit, an die er heute noch mit Unbehagen zurückdenkt – und die bei ihm Spuren hinterlassen hat. 1985 wurde er selbst von einer Stunde auf die andere gefeuert: «Das war der beste Tag meines Lebens», lächelt er, «hart, aber schön.» Belmont hat danach neun Monate einfach nur gelebt, bevor ihn 1986 Günter Blümlein zu Jaeger-LeCoultre holte.
Belmont hat in Le Sentier erst zwei Mitarbeitern die Papiere geben müssen, aber über 250 eingestellt.«Mit der Strategie von Günter Blümlein haben wir 1984 neu angefangen», erzählt Belmont. «Was waren die Leute stolz, als 1991 das alte, 1833 erbaute und heruntergekommene Stammgebäude an der Rue de la Golisse renoviert wurde», schwärmt er. Das war für viele der Mitarbeiter, nach Jahren mit Verlusten und Ängsten, auch ein sichtbares Signal: Wir haben es geschafft! Nun gilt es in einer schwierigen Zeit wieder optimistische Zeichen zu setzen.KNH

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