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Bern entdeckt Finanzplatz Asien

Eveline Widmer-Schlumpf, EFD-Chefin, bei Konkurrenten oder Verbündeten. Ein Kommentar von Ernst Herb.

«Der Besuch der EFD-Vorsteherin in Singapur und Peking war ein Balanceakt zwischen dem Suchen nach Verbündeten und dem Verteidigen von Eigeninteressen.»

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hat während ihres Arbeitsbesuchs in Asien wegen ihrer Bemerkung über die Migrationsdebatte zu Hause hier und da die Gemüter erhitzt. Es war dabei wohl ein treffender Zufall, dass die umstrittene Aussage gerade vor der Auslandschweizergemeinde Singapurs fiel: Die Zahl der hier wohnhaften Eidgenossen hat sich, ähnlich wie in den anderen dynamischen und offenen fernöstlichen Wirtschaftskapitalen Hongkong und Schanghai, in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt.

Das zeigt, wie wichtig mittlerweile die aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften für die in Europa isolierte Schweiz geworden sind. Das trifft ausgesprochen auch auf den Finanzplatz zu, der angesichts des verschärften und mit harten Bandagen ausgetragenen globalen Wettbewerbs die grösste Herausforderung seit dem Ende dem Zweiten Weltkrieges zu bewältigen hat.

Dabei wurde Asien gerade von der Schweizer Finanzpolitik – ganz anders als von der Aussenhandelspolitik – lange vernachlässigt. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) in den vergangenen Jahren voll mit der Abwehr der Angriffe aus den USA und Deutschland beschäftigt war.

Das hat sich etwa daran gezeigt, dass die Schweiz trotz ihres 2013 mit China abgeschlossenen Freihandelsabkommens erst lange nach Singapur, London oder Luxemburg mit Peking ein Finanzabkommen unterzeichnet hat, das den Handel mit Offshore-Yuan ermöglicht.

Der Besuch der EFD-Vorsteherin in Singapur und Peking war ein Balanceakt zwischen dem Suchen nach Verbündeten und dem Verteidigen von Eigeninteressen. Das trifft besonders auf Singapur zu, das in der Verwaltung von Vermögen reicher Privatkunden der Schweiz schon bald den global ersten Platz abringen könnte.

Auch bleibt bis heute unklar, ob der Singapurer Staatsfonds GIC als gewichtigster Einzelaktionär der UBS (UBSG 11.17 4.69%) Strukturpolitik betreibt, die letztlich zulasten Zürichs gehen könnte.

Singapurs Finanzminister Tharman Shanmugaratnam ist für die Schweiz indes vor allem auch deshalb ein wichtiger Ansprechpartner, weil er den Vorsitz des Internationalen Währungsfonds einnimmt und in der globalen Regulierungsdebatte die Interessen kleiner Volkswirtschaften, die jedoch einen bedeutenden Finanzplatz haben, vertritt. Seine Stimme fällt dabei umso mehr ins Gewicht, als Singapur  –  anders als die unfreiwillig abseitsstehende, aber grössere Schweiz – Mitglied im exklusiven Club der G-20 ist.

Die Asienreise der EFD-Chefin zeigt, dass die Schweizer Finanzpolitik die aufstrebende Region ernster nimmt, denn hier liegt, trotz gegenwärtiger zyklischer Schwächen, viel Wachstumspotenzial für helvetische Banken, Versicherungen und Anlagefonds. Die offizielle Schweiz trägt dem jetzt offensichtlich Rechnung.

Bern ebnet damit der heimischen Finanzbranche den Weg. Vielleicht lassen sich so auch Fehlentwicklungen vermeiden, die der Reputation des Finanzplatzes Schweiz einst schaden könnten.