Märkte / Makro

Bernanke kündigt den Anfang vom Ende an

Die Konjunkturlage in den USA stimmt den Chairman des Federal Reserve zuversichtlich. Er kann sich deshalb vorstellen, dass die US-Notenbank das Stimulusprogramm QE3 bis Mitte 2014 beenden wird. Die Börse reagiert mit Kursabgaben.

Christoph Gisiger, New York

Wie geht es mit dem Stimulusprogramm QE3 weiter? Diese Frage macht die Märkte seit Wochen nervös. Investoren erhofften sich deshalb nach dem Zinsentscheid des Federal Reserve mehr Klarheit – doch was sie von Ben Bernanke zu hören bekamen, gefiel ihnen nicht: Wenn sich die Wirtschaft wie angenommen entwickle, dann sei es angebracht, das Tempo von QE3 «später in diesem Jahr» zu verringern, sagte der Fed-Chef am Mittwoch in Washington. Bewege sich der Konjunkturverlauf danach weiterhin im Rahmen der Erwartungen, werde die US-Notenbank in der ersten Hälfte von 2014 damit fortsetzen, QE3 «in moderaten Schritten zurückzufahren», und das Programm dann «gegen die Jahresmitte beenden».

Wallstreet sieht rot

Kaum waren diese Worte gefallen, verdüsterte sich die ohnehin bereits angespannte Stimmung an den Finanzmärkten. Der US-Leitindex S&P 500 (SP500 2954.22 -0.82%) schloss zur Handelssitzung am Mittwoch auf 1628,93, was einem Minus von 1,4% entspricht. Deutlich schwächer notierte ebenfalls das Blue-Chip-Barometer Dow Jones (Dow Jones 25409.36 -1.39%). Für die Börse war das damit der schlechteste Tag nach einem Zinsentscheid des Federal Reserve seit September 2011. Auch am Bondmarkt gaben die Preise nach. Die Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen sprang 15 Basispunkte auf 2,34% empor und bewegt sich nun auf dem höchsten Stand seit fünfzehn Monaten. An den Devisenmärkten tendierte der Dollar fester, während der Goldpreis nachgab.

Mit dem Stimulusprogramm QE3 pumpt das Federal Reserve seit Anfang Jahr Monat für Monat 85 Mrd. $ ins Finanzsystem. Es kauft dabei lang laufende US-Staatsanleihen und verbriefte Hypothekarkredite, wodurch es Druck auf die langfristigen Zinsen ausübt. Das wiederum soll Investoren zu mehr Risiko ermuntern und im Endeffekt die Wirtschaft beleben. Bernanke vergleicht das Ausstiegsszenario aus QE3 mit einem Autofahrer, der nicht etwa auf die Bremse trete, sondern den Fuss nur langsam vom Gas nehme. Er versicherte zudem, dass die Leitzinsen auch nach dem Ende des Programms noch für geraume Zeit auf dem supertiefen Niveau von 0 bis 0,25% verharren werden. Aktuell rechnen fünfzehn der insgesamt neunzehn Fed-Direktoren erst für 2015 oder später mit einem ersten Zinsanstieg.

Entscheid fällt im September

«Wenn sich der aktuelle Trend in der US-Wirtschaft und vor allem am Arbeitsmarkt fortsetzt, wird das ausreichen, um die Wertschriftenkäufe bereits an der Notenbanksitzung vom September erstmals leicht zu reduzieren», denkt Jim O’Sullivan, US-Chefökonom des Anlageberaters High Frequency Economics. «Im Gegensatz zu den für Juli und Oktober anberaumten Treffen der Währungshüter ist dann auch erneut eine Pressekonferenz mit Bernanke eingeplant», fügt O’Sullivan hinzu.

In seinem Kommuniqué zum Zinsentscheid hält das Federal Reserve fest, dass die amerikanische Wirtschaft seit der letzten Sitzung vom Mai in «moderatem Tempo» expandiert sei. Auch hätten sich die Bedingungen am Arbeitsmarkt «in den vergangenen Monaten weiter verbessert». Zudem habe das Risiko für eine Senkung des Konjunkturausblicks abgenommen. Neu rechnet die US-Notenbank damit, dass die Arbeitslosenrate dieses Jahr von aktuell 7,6% auf 7,2 bis 7,3% fallen und 2014 weiter auf 6,5 bis 6,8% sinken wird. Im letzten Konjunktursausblick vom März hatte das Fed für 2013 noch eine Arbeitslosenrate von 7,3 bis 7,5% erwartet und war für nächstes Jahr von 6,7 bis 7% ausgegangen.

Opposition von beiden Seiten

Den Entscheid, an der Geldpolitik vorerst noch nichts zu ändern, haben die Währungshüter weitgehend übereinstimmend gefällt. Gegen den aktuellen Kurs hat sich James Bullard, Chef der Fed-Distriktnotenbank von St. Louis, ausgesprochen. Er verlangte, dass sich die US-Notenbank mit Blick auf die geringe Teuerung klarer dazu bekenne, ihr Inflationsziel von 2% zu verteidigen. Eine zweite Gegenstimme gab es erneut von Esther George (Kansas City). Wie in den vorangegangenen Sitzungen äusserte sie sich besorgt darüber, dass durch die ultralockere Geldpolitik das Risiko von Ungleichgewichten in der Wirtschaft und in den Finanzmärkten steige.

Keinen Kommentar wollte Bernanke zu seiner Zukunft geben. Seine zweite Amtszeit als Chairman des Federal Reserve läuft Ende Januar aus. Präsident Obama hatte zu Wochenbeginn in einem TV-Interview gesagt, dass Bernanke «ausgezeichnete Arbeit geleistet» habe. «Er ist bereits länger auf seinem Posten geblieben, als er wollte und als von ihm erwartet wurde», fügte Obama hinzu. An Wallstreet wird deshalb heftig darüber spekuliert, wer künftig die mächtigste Zentralbank der Welt leiten wird. Dennoch blockte Bernanke das Thema am Mittwoch ab: «Ich habe zu meinen persönlichen Plänen nichts zu sagen», antwortete er mit einem vielsagenden Schmunzeln auf eine betreffende Frage.