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Besitzerbanken nehmen Raiffeisen Schweiz an die kurze Leine

Am Samstag haben Vertreter der Raiffeisen-Gruppe neue Strukturen für ihre St. Galler Zentrale beschlossen. Doch es bleiben Baustellen.

Die Raiffeisen-Gruppe hat sich am Samstag eine neue Struktur gegeben. Faktisch nehmen die Besitzerbanken ihre Tochter und Zentrale in St. Gallen, Raiffeisen Schweiz, an die kurze Leine. Die sogenannte Reform 21 wurde nötig, nachdem Ex-Chef Pierin Vincenz unkontrolliert schalten und walten konnte und nun einer Anklage wegen untreuer Geschäftsbesorgung entgegenblickt.

Als wichtigste Neuerung hat die Eignerversammlung am Samstag neue Gremien eingeführt. Der sogenannte Raiffeisenbankrat (RBR) aus Vertretern der Besitzerbanken soll dem Verwaltungsrat (VR) von Raiffeisen Schweiz zukünftig als Sparingpartner dienen. Dazu wurden Fachgremien eingerichtet, die der Geschäftsleitung (GL) an die Seite gestellt werden.

Neue Kontrollfunktion

Raiffeisen schreibt in einer Mitteilung von institutionalisiertem Meinungsaustausch zwischen Organen von Raiffeisen Schweiz und neuen Gremien der Raiffeisenbanken. Faktisch nehmen die neuen Gremien gegenüber VR und GL auch eine Kontrollfunktion ein, nachdem beide Organe unter anderer Besetzung während der Vincenz-Jahre teilweise versagt hatten.

Die Banken haben zudem eine neue Eignerstrategie für die Zentrale verabschiedet und damit klargemacht, was sie von ihrer Tochter in Zukunft punkto Reporting, Controlling, Effizienz und Transparenz erwarten.

Abstimmung über Vergütung

An der anschliessenden Delegiertenversammlung (DV) haben die Vertreter der Banken beschlossen, in Zukunft über die Vergütung des VR von Raiffeisen Schweiz abzustimmen. Zuvor mussten sie die Saläre, die sich der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung einräumten, lediglich zur Kenntnis nehmen. Gehalts- und Spesenexzesse der Vergangenheit sollen sich nicht wiederholen.

Weiter erhöhten die 164 Delegierten die Zahl der Vertreter für zukünftige Versammlungen auf 229. Nun kann jede Bank einen Vertreter entsenden. Damit wird aus der DV eine Generalsversammlung wie bei einer Aktiengesellschaft mit handfester Macht über den Raiffeisen-Schweiz-VR.

Die Décharge, die die DV dem alten VR von Raiffeisen Schweiz immer noch nicht erteilt hat, war auch am Samstag nicht traktandiert. Raiffeisen behält sich vor, gegen ehemalige VR- und GL-Mitglieder Regressansprüche zu stellen.

«Historische Entscheide»

Raiffeisen-VR-Präsident Guy Lachappelle, CEO Heinz Huber und der Eignervertreter und Präsident der Raiffeisenbank Luzern, Kurt Sidler, sprachen am Samtsag vor den Medien in Zürich von einem «Freudentag», an dem «historische Entscheide» getroffen wurden.

Damit ist die Reformarbeit bei Raiffeisen aber noch lange nicht zu Ende. Im ersten Halbjahr 2020 wird nun eine Gruppenstrategie erarbeitet. Mindestens drei Punkte werden dabei zwischen den Besitzerbanken und ihrer St. Galler Tochter noch zu klären sein.

Leistungen neu «à la carte»?

Erstens die Leistungen und die Finanzierung der Zentrale: Im Grundsatz wollen sich die Banken mit St. Gallen neu einigen, welche Dienstleistungen zu welchen Kosten Raiffeisen Schweiz für die Einzelinstitute noch erbringen soll. Die Rede ist von günstigeren Preisen und einem Leistungsmenü «à la carte».

Zweitens das Filialgeschäft der Zentrale: Raiffeisen Schweiz betreibt eigene Niederlassungen in den grossen Städten und konkurrenziert damit ihre Besitzerbanken. Bis 2021 wird sich das wohl ändern. Geprüft wird die Verselbständigung oder die Eingliederung der Filialen in umliegende Genossenschaften.

Drittens der Zugriff der Zentrale auf die liquiden Mittel der Gruppe: Die 229 Banken deponieren ihr Überschusskapital bei Raiffeisen Schweiz. Mit rund 1 Mrd. Fr. davon ging Ex-CEO Vincenz auf Einkaufstour. «Damals drückte Vincenz auf den Knopf und hatte das Geld», sagt ein früheres Geschäftsleitungsmitglied, das ungenannt bleiben will, zu «Finanz und Wirtschaft». Laut einem Mitglied der Reformgruppe soll «so was in Zukunft nicht mehr möglich sein». Eine neu auszuarbeitende Beteiligungsstrategie soll das sicherstellen.