Meinungen

Bessere Alternativen zur Askese

Ökologische Politik hat bei der Bevölkerung nur dann eine Chance, wenn sie die Ökonomie im Auge behält. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Nur wenn es der Bevölkerung besser geht, wird Klimaschutz gelingen.»

Es ist die Woche, in der Greta Thunberg über den weiten Atlantik nach Amerika segelt. Die «Fridays for Future»-Gründerin sollte nicht verwundert sein, wenn sie bei ihrer Ankunft in den USA bei weitem nicht jene Aufmerksamkeit finden wird, die sie in Europa erlangt hat.

Sicher werden die Medien in Washington und New York über die transatlantische Querung berichten – und gewiss werden sie auch den Forderungskatalog der Klimaaktivisten präsentieren, der auf «Verzicht und Verbot» ausgerichtet ist.

Die Masse der US-Bevölkerung wird sich jedoch höchstens flüchtig für die «Fridays for Future»-Bewegung interessieren. Nahezu niemand in den USA wird seinen Kindern erlauben, die (sehr oft sehr teure) Schule zu schwänzen (und damit die Chancen auf späteren wirtschaftlichen Erfolg zu gefährden).

Kaum jemand wird bereit sein, durch Verzicht aufs Auto und auf Flugreisen, wirksamere Wärmeisolation und niedrigere Heiztemperaturen einen persönlichen Beitrag zu einer verbesserten CO2-Bilanz zu leisten.

Der Ansatz von Entsagung und Umkehr – im schlimmsten Fall sogar auf Kosten von Beschäftigung – entspricht in keiner Weise dem amerikanischen Verständnis von Problemlösungen, das auf Pioniere setzt, die mit Mut und Risikobereitschaft den Aufbruch suchen und jenseits bekannter Horizonte nach neuen Geschäftsmodellen streben. Technischer Fortschritt, zukunftsweisende Technologien und neuen Zeiten angemessene Innovationen gelten in den USA als weit zielführender, klima- und umweltschonender als Moralisierung und Enthaltsamkeit.

Digitalisierung und Datenökonomie

Das heisst jedoch keinesfalls, dass die US-Gesellschaft und allen voran die Kalifornier nicht durchaus willens sind, den Klimawandel aufzuhalten und die Umwelt besser zu schützen. Aber sie vertrauen dabei auf Forschung statt Askese. Sie wollen keine ökologische Kehrtwende, die den liebgewonnenen Lebensstandard gefährdet und Jobs kostet. Das kann man beklagen, ändert aber nichts an der politischen Realität, dass Verzicht gesellschaftlich nicht mehrheitsfähig ist.

Zur Askese gibt es weit wirkungsmächtigere Alternativen: Innovation auf allen Ebenen – ökonomisch, gesellschaftlich und politisch, in Produktion und Konsum,  in Bau und Heizung, Logistik und Mobilität –, die Engpässe beseitigt, Knappheit überwindet und für ein besseres Leben nachrückender Generationen sorgt.

Im Silicon Valley und drumherum bestehen weder Zweifel noch fehlen Ideen, wie die grandiosen Möglichkeiten von Digitalisierung und Datenökonomie auf breiter Front eingesetzt werden können, um die Produktivität zu steigern, Fabrikationsprozesse entlang der Wertschöpfungsketten zu optimieren und mit weniger ökologischem Aufwand mehr Menschen mit mehr ökonomischem Wohlstand zu versorgen.

CCU (Carbon Capture and Utilization; CO2 nicht in die Atmosphäre ausstossen, sondern binden und als Rohstoff für Bauen oder Isolation nutzen), CCS (Carbon Capture and Storage; CO2 einsammeln, in der Erde speichern und damit neutralisieren) sind weit gediehene Innovationen, die nun auf breite Anwendung warten. Genauso wie das Wissen lange schon bestens bekannt ist, wie dank Entsalzungsanlagen Meerwasser zur Bewässerung von Plantagen und Getreidefeldern genutzt oder wie mit Hilfe von Solartechnologie Strom erzeugt werden kann.

Die Mehrheit der Gesellschaft wird nur mit mehr Ökonomie für mehr Ökologie zu gewinnen sein, in Europa wie in den USA. Klimapolitik soll neue Arbeitsplätze schaffen und nicht Beschäftigung zerstören. Ökologischer Nutzen und ökonomischer Profit müssen Hand in Hand gehen – nur wenn es der Bevölkerung insgesamt besser und nicht schlechter geht, wird nachhaltiger Klima- und Umweltschutz gelingen. Dieser Zusammenhang gilt in den USA ganz besonders ausgeprägt, aber er ist genauso und eigentlich noch weit offensichtlicher in anderen Weltregionen gültig.

Die Mehrheit der Menschheit lebt in Armut und ist Opfer, nicht Verursacher des Klimawandels. Ihnen das Hohe Lied von Askese und Verzicht zu singen, wirkt nicht nur eher zynisch, das verkennt auch komplett, was für Menschen, die mit kaum mehr als dem Notwendigsten leben müssen, wirklich wichtig ist. Wer wenig oder nichts hat, will – mehr noch für die Nachkommen als für sich selbst – ein besseres Leben mit mehr und nicht weniger Verbrauch, Mobilität und Genuss. Da kommt die Ökonomie zuerst und erst danach die Ökologie.

Einzig neue Technologien vermögen Erwartung und Anspruch von Milliarden Menschen auf ein besseres Leben mit der ökologischen Tragfähigkeit der Erde in Einklang zu bringen. Alles andere, namentlich rückwärtsgewandte Verzichtsappelle, muss scheitern, entweder weil dafür individuelles Einsehen und gesellschaftliche Akzeptanz fehlen oder aber die Dynamik von ökonomischen Aufholeffekten schlicht stärker ist als die Bremseffekte von Verboten und Verhaltensänderungen, sodass in Summe der Welt der ökologische Kollaps droht.

Kein Zweifel: Der Norden hat auf seinem Weg zum Wohlstand grosse ökologische Risiken heraufbeschworen. Nun ist es seine Pflicht, die damit einhergehenden Herausforderungen zu bewältigen und zugleich dem Süden zu mehr Wohlstand für alle ohne ein Mehr an Erderwärmung und Umweltbelastung zu verhelfen.

Dafür sind bessere Technologien die stärkste, beste und einzige Strategie für nachhaltigen Erfolg. Sie allein sind in der Lage, rechtzeitig für ökologische Fliessgleichgewichte bei Energie und Entropie sowie klima- und umweltneutrale Kreisläufe bei Produktion und Konsum in der Praxis zu sorgen. Wie das theoretisch geht, ist bekannt. Nun soll es praxisfähig umgesetzt werden. Dafür muss der Norden Verantwortung und Kosten tragen.

Die Schule schwänzen nützt nichts

Die Forderung nach Askese ist nicht nur politisch naiv, sondern strotzt von Zukunftspessimismus, Technologiefeindlichkeit und Misstrauen, dass wir nicht in der Lage sein sollten, mit Neugier und Verstand, Mut und Kreativität, mit künstlicher Intelligenz und klugen Algorithmen auf allen Ebenen und in jeder Alltagssituation komplett neue, pfiffige, smarte, grüne Problemlösungen zu entwickeln. Wirklich nachhaltig lassen sich ökologische Herausforderungen nicht mithilfe eines durch Schulschwänzen geschärften Bewusstseins und moralisierender Aufrufe zu politischen Aktionsprogrammen und nicht mithilfe von Verhaltensänderungen lösen.

Das alles kann zwar helfen, die offensichtlichsten ökologischen Verwerfungen zu mindern, ein paar Verbesserungen zu erwirken und das Feld für eine Neuerfindung von Mobilität und Wärmeerzeugung zu bereiten. Aber es droht, wie es typisch ist für schrittweises Vorgehen, dass man nur (zu) langsam vorankommt, auch weil es immer wieder von verschiedenster Seite Interessengruppen gibt, die ein schnell(er)es Vorgehen aus Eigennutz bremsen. Einzig eine Flucht nach vorn zu neuen Technologien sichert ein Überleben in Wohlstand und Einklang mit Klima und Umwelt.

Was dabei, die Erderwärmung und Klimawandel zu stoppen, erfolgreicher ist – die mahnende Verzichtsstrategie einer Greta Thunberg oder eine auf Innovation und Technologie setzende Vorwärtsstrategie à l’américaine –, wird sich zeigen. Sicher aber ist, dass nicht nur in den USA, sondern weltweit und ganz besonders in weniger wohlhabenden Gesellschaften nur jene ökologische Politik bei der Bevölkerung eine Chance hat, die mit wirtschaftlich verbesserten Lebensbedingungen einhergeht. Das aber kann nur eine Politik leisten, die auf neue Möglichkeiten und Märkte für Innovation und neue Technologien setzt und beides, Ökologie und Ökonomie, gleichermassen im Auge hat.

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