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«Beteiligung an Vontobel erhöhen»

Pierin Vincenz, CEO von Raiffeisen, glaubt nicht an den Kapitalpuffer und sieht «interessante Diskussionen» zur Systemrelevanz, wie er im Interview mit FuW erläutert.

Pierin Vincenz, CEO der Raiffeisen-Gruppe, diskutiert mit der «Finanz und Wirtschaft» Möglichkeiten, wie der Streit mit Vontobel beigelegt werden kann: Raiffeisen kann die Tochter Notenstein an Vontobel verkaufen und im Gegenzug die Beteiligung an Vontobel von heute 12,5 auf 33% erhöhen.

Oder der ­bestehende Kooperationsvertrag mit Von­tobel wird verlängert, aber weniger exklusiv ausgestaltet. Die Idee einer stärkeren personellen Verflechtung an der Spitze von Raiffeisen und Vontobel schliesst er nicht per se aus, sondern bezeichnet sie als «innovativ». Dem Instrument des antizyklischen Kapitalpuffers kann er nach wie vor wenig abgewinnen. «Man kann heute noch nicht beurteilen, ob dieses Instrument tatsächlich etwas gebracht hat.» Bezüglich Raiffeisen als system­relevantes Institut gibt sich Pierin Vincenz noch nicht geschlagen: «Das wird eine spannende Diskussion geben.»

Herr Vincenz, Raiffeisen und Vontobel ­streiten derzeit vor einem Schiedsgericht über die Auslegung der Kooperation. Wie sähe das Verhältnis zwischen Vontobel und Raiffeisen in einer idealen Welt aus?
In einer idealen Welt gibt es eine intensive Zusammenarbeit im Bereich der Produktkooperation, weil auf der Produktebene kein Institut das ganze Universum abdeckt. Da hat es für viele Platz.

Seit der Übernahme von Wegelin sind zwei Jahre vergangen. Ist es jetzt nicht an der Zeit, Notenstein und Vontobel zusammenzuführen? Wie viel müsste Raiffeisen in einem solchen Modell erhalten?
Das sind natürlich hypothetische Modelle. Wir haben einmal eine Variante mit einem Drittel Familie, einem Drittel Raiffeisen einem Drittel Publikumsaktionäre vorgeschlagen. Die Alternative wäre, den Vertrag zu verlängern und die Exklusivität zu reduzieren. Man kann ja nicht einmal mit einer eigenen Bank, wie wir mit Notenstein, in einem Exklusivitätsmodus fahren. Alle Banken müssen sich öffnen.

Ist nicht eine gegenseitige engere Ver­flechtung notwendig – auch in personeller Hinsicht? Raiffeisen ist heute schon im Vontobel-Verwaltungsrat vertreten, Von­tobel aber nicht im Raiffeisen-VR. Der Ostschweizer Vontobel-CEO Zeno Staub würde sich doch gut im Raiffeisen-VR machen.
Der Verwaltungsrat von Raiffeisen setzt sich aus Raiffeisen-nahen und aus externen Leuten zusammen. Die von Ihnen ­angesprochene Verflechtung war auch nie ein Thema. Als sich die Raiffeisen-Gruppe auf das Retailgeschäft konzentrierte, brauchte sie dieses Know-how auch gar nicht. Als wir die Kooperation initiierten, war es die Vontobel-Gruppe, die Stabilität und einen starken Partner suchte. Umgekehrt hätte es wenig Sinn gemacht, in einer Retailbank einen Privatbanker in die Verantwortung zu nehmen.

Aber wenn Sie mit Vontobel nochmals von vorne beginnen könnte: Wäre es nicht gar sinnvoll, wenn der Verwaltungsratspräsident der Raiffeisen von Vontobel und der Verwaltungsratspräsident von Vontobel aus der Raiffeisen-Gruppe stammen würde?
Das ist eine sehr innovative Idee. Aber das würde wohl schon an den Salärforderungen der beiden Verwaltungsratspräsidenten scheitern…

Vontobel schüttet eine hohe Dividende aus, was dazu beiträgt, dass Raiffeisen schöne Gewinnsteigerungen ausweisen kann. Sind Sie zufrieden?
Uns geht es nicht um ein Finanzinvestment. Wir hätten die 200 Mio. Fr. auch mit Swatch investieren können und hätten einen höheren Return. Wir sind aber nicht per se daran interessiert, Eigenkapital in Beteiligungen zu binden, ausser, es besteht ein Kooperationshintergrund. Im Fall von Leonteq hat sich unser Einsatz in kurzer Zeit bereits verdreifacht. Das Investment in Vontobel war nicht so herausragend, aber solche Überlegungen standen wie erwähnt auch nie im Vordergrund.

Der Immobilienmarkt scheint sich ­abzukühlen. Zeitigt das Instrument des antizyklischen Puffers also die gewünschten Resultate?
Man kann heute noch nicht beurteilen, ob dieses Instrument tatsächlich etwas gebracht hat. Ich hätte die Beurteilung von Einzelinstituten und Einzeldaten und dann Einzelmassnahmen vorgezogen. Wir setzen stärker auf die von den Banken ­beschlossene Selbstregulierung. Ihre Wirkung hat bereits eingesetzt und wird sich auch in naher Zukunft zeigen. Weitere Massnahmen oder eine Verschärfung der Selbstregulierung sind aus unserer Sicht nicht sinnvoll. Die einzige Massnahme der Nationalbank, die erwiesenermassen wirkt, sind Zinserhöhungen. Der anti­zyklische Puffer ist lediglich eine Ersatzmassnahme. Es trifft bezüglich Eigenmittel auch nicht sehr viele Banken. Denn Banken, die stark im Hypothekargeschäft tätig sind, verfügen ja häufig über Überflusskapital. Genau aus dieser Überlegung heraus sind wir im Dialog mit der Finma.

Und wie beurteilen Sie die Ankündigung, Raiffeisen könnte als systemrelevante ­Bankengruppe eingestuft werden?
Wir sind schwergewichtig im Immobilien- respektive Hypothekarbereich tätig. Ich sehe kein Szenario, in dem ein Desaster eintreten könnte. Falls etwas passieren sollte, wären viele Institute betroffen. Raiffeisen hat am Schweizer Hypothekarmarkt einen Anteil von 16%. Das heisst aber auch, dass andere Banken einen Marktanteil von 84% haben. Letztlich ist das ein volkswirtschaftliches Thema. Auf uns bezogen finde ich das Thema sehr spannend. Die Finma hat den Entscheid durch ihre Kategorisierung etwas vorweggenommen. Wenn das formalisiert wird, muss man sich die Frage nach der Abhängigkeit innerhalb der Bankengruppen stellen. Was die Grossbanken zu etablieren versuchen – eine Schweiz AG –, sind wir schon längst. Wir sind nur in der Schweiz, und in der Schweiz ist Raiffeisen erst noch aufgeteilt auf eine Vielzahl von Banken. Ich weiss nicht, wie viele juristische Einheiten wir aufbauen müssten, um den ­Anforderungen zu entsprechen. Das wird eine spannende Diskussion geben.

Wie sieht es zeitlich aus?
Wir erwarten, dass noch in diesem Jahr ein Entscheid gefällt wird.

Mit der Übernahme von Wegelin hat ­Raiffeisen früher als andere Institute ­Bekanntschaft mit dem US-Steuerstreit gemacht. Wie beurteilen Sie die neueste Entwicklung in dieser Sache?
Zunächst eine Präzisierung: Wir haben von Wegelin das Non-US-Geschäft übernommen. In Bezug auf die neueste Entwicklung haben wir nicht das Gefühl, dass die Hearings vor dem amerikanischen Senat einen wesentlichen Einfluss auf das Programm haben. Das Programm kann man etwas restriktiver oder weniger restriktiv definieren. Jetzt zeigt sich, dass das Programm funktioniert. Nun muss die Abarbeitung stattfinden. Mit den Amerikanern gibt es so etwas wie einen Modus ­Vivendi. Auf Stufe des amerikanischen ­Justizdepartements DOJ hat sich eine grosse Berechenbarkeit und Verlässlichkeit entwickelt. Wir gehen davon, dass ­Gespräche in einem geordneten Prozess geführt und offene Fragen bilateral geklärt werden können.

Ist zu befürchten, dass der durch Senatoren aufgebaute Druck auf das DOJ dazu führen wird, dass schon bald wieder eine Schweizer Bank angeklagt wird?
Gemäss Programm wird das DOJ nicht gegen kooperierende Banken vorgehen, und die Schweizer Banken machen ja ihre Hausaufgaben. Aber auf die Höhe der Bussen der Banken in Kategorie 2 kann der Druck aus dem Senat Auswirkung haben.

Sie sind auch vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklung immer noch ­zufrieden, Kategorie 3 respektive 4 gewählt zu haben?
Die Wahl von Kategorie 3 oder 4 bedeutet, dass wir ebenfalls am Programm teilnehmen. Wir haben diesen Entscheid sehr unternehmerisch gefällt.

Wie beurteilen Sie die Aussichten für ­Raiffeisen im laufenden Jahr?
Raiffeisen wird auch im laufenden Jahr ein gutes Resultat erzielen. Ich sehe keine Faktoren, die im heutigen Moment dazu führen würden, unser Resultat nachhaltig anders aussehen zu lassen.

Wie werden sich die Margen im ­Hypothekargeschäft entwickeln?
Wir lassen nichts unversucht, um die Marge zu stabilisieren. Aber wenn die Zinsen tief bleiben, kann die Marge von im vergangenen Jahr 1,24 auf 1,2 oder sogar 1,15% fallen. Eine solche Entwicklung hätte einen Ausfall von 150 Mio. Fr. zu Folge. Diese Summe müsste – wie schon in der Vergangenheit – anderswo rausgeschwitzt oder durch Wachstum und Diversifikation kompensiert werden. Wir konnten den Rückschlag durch Wachstum und durch Kostenprogramme kompensieren. Gegen Margenverengung hat eine Bank zwei Mittel in der Hand: Sie kann sich aus einzelnen Marktsegmenten zurückziehen. Oder sie kann noch fitter werden. Wir ­machen uns fit, indem wir unsere Diversifikationsstrategie erfolgreich umsetzen. Aber das braucht etwas Zeit.