Meinungen

Bewerbung für die Zukunft

Soll die Schweiz auch im Jahr 2030 noch Erfolg haben, muss sie sich auf ihre wahren Stärken besinnen und einen zuversichtlichen Aufbruch wagen. Ein Kommentar von Nicola Forster.

Nicola Forster
«Die Schweiz soll ein Land der Talente sein, das innovativen Köpfen von überall eine Heimat bietet.»

Wo sehen Sie sich in fünfzehn Jahren?» Eine Standardfrage in ­jedem Bewerbungsgespräch. Heute steht aber eine ganz spezielle Kandidatin vor der Tür und überlegt sich, was sie antworten wird. In einem freiheitlichen Elternhaus aufgewachsen, hatte sie eine beschützte Jugend verbracht. Ihre privilegierte Ausgangslage hatte sie mit Fleiss und Tüchtigkeit genutzt, und ihre bisherigen beruflichen Erfahrungen waren durchweg beeindruckend. Dank ihren geschäftlichen Fähigkeiten und einem starken Ehrgeiz schien ihr die Welt zu ­Füssen zu liegen: Wenn sie ein Projekt ­anpackte, war der Erfolg nie weit.

Der Personaler blickt vom Dossier auf, um der vielversprechenden Kandi­datin die Tür zu öffnen. Und herein tritt – die Schweiz.

Beunruhigende Signale

Nach kurzer Begrüssung kommt der Personaler gleich zum Punkt: «Schweiz, lassen Sie mich offen sein mit Ihnen. Ich habe in letzter Zeit beunruhigende Signale erhalten, die gar nicht zu ihrem bisherigen Werdegang zu passen scheinen. Die Nostalgie und das Sehnen nach vergangenen Zeiten scheint ihr ständiger ­Begleiter zu sein. Sie fühlen sich als Opfer, und ihr verstimmter Bauch scheint ihre sonst doch so treffsichere Intuition zu ­trüben. Ihr Verhältnis mit den Nachbarn scheint plötzlich zu leiden. Auch ihre Geschäftspartner scheinen Sie plötzlich zurückzuweisen und die ganze Welt herauszufordern. Achtung, liebe Schweiz, Hochmut kommt vor dem Fall.»

Die Schweiz schluckt leer, zückt dann aber einen Zettel aus der Tasche. Von weitem sieht er aus, als hätte er Ewigkeiten in einer Schublade gelegen, sorgsam verstaut wie eine alte Schatzkarte. Verstaut, um irgendwann von der unternehmungslustigen Enkelin hervorgeholt und gebraucht zu werden. Der Titel lautet «2030: Die Schweiz der Zukunft».

Sie beginnt mit zittriger Stimme vorzulesen: «Ich möchte eine unternehmerische Schweiz, die mit Mut und Optimismus in die Zukunft schaut. Ein Land, das das Risiko nicht scheut und innovativ ist, als Standort wirtschaftlich globalisiert und auf den Weltmärkten präsent. Das den Fortschritt sucht und sich so an den Pioniertaten eines Alfred Escher orientiert. Eine Schweiz, die nicht stillsteht und trotz ihres Wachstums nachhaltig mit ihren Ressourcen umgeht. Ein modernes und progressives Land, in dem man leben und arbeiten will, um etwas zu erreichen und die eigenen Talente zu verwirklichen. Eine tolerante und gelassene Schweiz, die auch ungewöhnliche Lebensstile zulässt und ihren Bürgern Freiheit und Selbstverantwortung gibt.

Mit einer Politik, die nicht von Verlustängsten und Nostalgie nach der Vergangenheit getrieben ist, sondern an den Fortschritt glaubt und optimistisch in die Zukunft schaut. Ein Land, wo sich diverse Akteure intensive Debatten über innovative Lösungsansätze und Visionen für Innen- und Aussenpolitik liefern. Wo Bürger und Parteien Verantwortung tragen für politische Entscheide – und auch für deren Konsequenzen. Wo die direkte Demokratie für zentrale Entscheidungen über den Kurs des Landes verwendet wird und nicht bloss zum ‹Zeichensetzen› aus Angst und Wut. Wo die Bürger ernst genommen werden, indem Gärtchendenken und Mythen wie eine übersteigerte Souveränität von der Politik entkräftet werden. Und zwar auch von Wirtschaftsleuten, die von einer internationalen Ausrichtung des Landes profitieren und sich dafür in der Politik starkmachen. Damit alle Bürger des Landes merken, dass auch sie von dem auf den Weltmärkten erarbeiteten Wohlstand profitieren und ein Antiwachstumskurs mittelfristig zum Stillstand des Landes führen würde.»

Der Personaler hört ihrem Plädoyer aufmerksam zu und nickt anerkennend. Bestärkt durch die Unterstützung, ist ihre Rede nun völlig frei: «Die Schweiz soll ein Land der Talente sein, das innovativen Köpfen aus der ganzen Welt eine Heimat bietet. Ein stolzes Land, das die inter­nationale Konkurrenz akzeptiert und als Ansporn nimmt, um noch besser zu werden. Wo sich die Bevölkerung nicht als ‹Quotenschweizer› hinter einem Inländervorrang verstecken muss, sondern die Chancen des weltweit einmaligen dualen Bildungssystems in einem dynamisierten Arbeitsmarkt geschickt nutzt.

Erfolg dank Offenheit

Die Schweiz ist politisch vernetzt und gestaltet internationale Entwicklungen aktiv mit, damit der Zugang zu den wichtigen Exportmärkten offen bleibt. Ein Land mit einem internationalen Finanzplatz, der mit Rechtssicherheit und Stabilität als ­sicherer Hafen für die Welt dient. Das sich weltweit für den Schutz der Privatsphäre einsetzt, und zwar ohne Bankgeheimnis. Mit einem internationalen Genf, das als Trumpf der Schweizer Aussenpolitik positioniert und bekannt ist als der Ort, wo ­gemeinsam mit allen Akteuren Lösungen für globale Probleme gefunden werden, und den traditionellen guten Diensten der Schweiz eine Renaissance beschert. Eine Schweiz, die sich weltweiten Entwicklungen nicht aus Prinzip in den Weg stellt, sondern sie aktiv mitgestaltet und das Beste daraus macht. Und sich bewusst ist, dass sie wirtschaftlich auf den europäischen Binnenmarkt und ihre Nachbarländer angewiesen ist. Ein Land, das die Personenfreizügigkeit als liberale Errungenschaft und Chance für sich selbst begreift. Meine Schweiz 2030 ist sich bewusst, dass sie wegen und nicht trotz ihrer Offenheit erfolgreich ist. Wir wollen ein florierendes und lebendiges Land sein, das an vorderster Front in der Welt mitmacht. Vamos!»

Der Personaler hat die Schweiz offensichtlich unterschätzt: Ihre Identitätskrise hatte dazu geführt, sich auf ihre wahren Stärken zu besinnen und einen zuversichtlichen Aufbruch zu wagen. Der Personaler ist beeindruckt und zückt seine Schreibfeder, um ihr ein einmaliges Angebot für ihre Zukunft zu machen.

Leser-Kommentare

Jean Ackermann 26.02.2014 - 08:34

Als ob die Schweiz neben England nicht auch in Zukunft das weltoffenste und liberalste Land der Welt sein würde! Solche Moralisiererei ermüdet allmählich! J.A.