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Märkte / Aktien

Bewusster anlegen mit Evolutionary Finance

Thorsten Hens
Gäbe es nur passive oder nur aktive Anleger, würde der Markt nicht funktionieren. Wie in der Natur ist die Artenvielfalt zentral. Wer Erfolg haben will, muss wissen, welche Rolle er im Finanzbiotop spielt.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier ist das Bewusstsein. Menschen sind sich bewusst, dass sie leben und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen. Die meisten Tiere agieren instinktiv, das heisst, sie sind impulsiv und können ihre Handlungen nicht durch Reflexion verändern.

Leider investieren die meisten Anleger eher wie Tiere als wie Menschen – oder manche wie Pflanzen, ich komme darauf zurück. Sie agieren gegen den Markt, ohne zu reflektieren, welche anderen Akteure den Markt ausmachen. Wenn ein Anleger Gewinn macht, sieht er darin sein Geschick, aber kaum einer überlegt, welche anderen Investoren ihm den Gewinn ermöglicht haben und wie lange sie dazu noch bereit sind.

Lehre aus Fauna und Flora

Diese Sicht wird durch die traditionelle Finanzmarktforschung gestärkt – die rationale und die behaviorale (verhaltensbezogene). Bei der rationalen Sicht des Marktes, die in Eugene Famas Effizienzmarkthypothese gipfelt, wird angenommen, dass jeder Anleger rational ist, während die Behavioural Finance, zum Beispiel vertreten durch Robert Shiller, davon ausgeht, dass viele Investoren einfache Heuristiken benutzen. In beiden Varianten haben die Anleger aber kein Bewusstsein dafür, was die anderen machen, da sie deren Verhalten durch das des Marktes ersetzen – als ob er eine eigene Persönlichkeit hätte.

Die evolutionäre Finanzmarktforschung begreift den Markt als Zusammenspiel rationaler und behavioraler Akteure. Wie in der Natur können Investoren grob wie folgt klassifiziert werden: Die Pflanzen sind passive Anleger, die ihre Wertschriften kaufen und daran nach dem Motto Buy and Hope festhalten. Pflanzen beziehen ihre Energie aus der Sonne und von Rohstoffen. Analog dazu ist der Ertrag der passiven Anleger durch die Ausschüttungen (Dividende, Zins etc.) gegeben.

Die Tiere sind aktive Anleger, die das Ziel «Buy Low – Sell High» haben. Es ist klar, dass die Summe der Renditen der aktiven Investoren nicht höher als die Summe der Renditen der passiven sein kann, denn wenn ein aktiver niedrig gekauft und hoch verkauft hat, muss es andere geben, die hoch gekauft und niedrig verkauft haben. Wie bei den Tieren, die ihre Energie nur durch Zerstörung anderer Lebewesen erzielen können, verdient ein aktiver Anleger seine Rendite auf Kosten eines anderen.

Wozu es aktive Anleger braucht

Die Pflanzenwelt der Investoren ist sehr heterogen. Manche halten Obligationen, andere Aktien, manche nur wenige Einzeltitel, andere Indizes. Ebenso vielfältig ist die Tierwelt der Anleger. Es gibt zum Beispiel Value-Investoren, die von einem Unterschied zwischen Preis und Wert ausgehen. Sie kaufen unterbewertete Anlagen und verkaufen, wenn sich die Lücke geschlossen hat. Auf der anderen Seite die Trendfolger, die kaufen, wenn eine Anlage im Preis gestiegen ist, und verkaufen, wenn das Preismomentum abebbt. Interessanterweise leben Value- und Momentum-Investoren in einer Symbiose. Ohne Momentum-Anleger käme es nicht zur Differenz von Preis und Wert, ohne Value-Investoren würde das Momentum-Lager das Finanzsystem so weit destabilisieren, dass es zusammenbräche.

Man mag sich fragen, wozu es die aktiven Anleger denn überhaupt braucht. Wäre die Welt nicht besser, gäbe es nur Pflanzen? Wie in der Natur wäre dies ein fataler Trugschluss, denn auch die Pflanzen brauchen die Tiere, da diese beim Atmen den Sauerstoff in Kohlendioxid verwandeln, den die Pflanzen wiederum in der Photosynthese in Sauerstoff umwandeln. Die passiven Investoren können nur dann erfolgreich sein, wenn es für Unternehmer die richtigen Anreize gibt, gute Wertpapiere auf den Markt zu bringen. Dazu müssen aktive Anleger die Chancen erahnen, sodass die Marktpreise die richtigen Signale setzen, um die wirtschaftliche Aktivität zu steuern.

Leider gibt es in der Finanzwelt wenig Toleranz und kein Verständnis für die Notwendigkeit der Heterogenität der Anleger. Jeder glaubt, er habe den besten Investitionsstil, und würde am liebsten alle anderen Akteure verbannen. Die passiven Anleger rufen nach einem Verbot der Hedge Funds, sie nennen Venture Capitalists «Heuschrecken» und beschimpfen aktive Investoren insgesamt als Spekulanten – ohne zu begreifen, dass sie damit am eigenen Ast sägen.

Dem Markt Sorge tragen

Die aktiven Anleger andererseits sind sehr eitel. Jeder glaubt, der Beste zu sein, und versucht, passive Investoren zu überzeugen, ihm Geld anzuvertrauen. Jeder findet eine Sichtweise, nach der seine Renditen unübertroffen sind. Der Star der Value-Investoren, Warren Buffett, hat in 55 Jahren den S&P-500-Index mindestens 10% p. a. geschlagen – jedoch ist er durch einige Verlustperioden gegangen. Einer der erfolgreichsten Hedge Funds, Renaissance Medallion, generiert durch sehr schnelle Algorithmen kleinere, aber recht stabile Renditen.

Es braucht Artenvielfalt für das effiziente Zusammenspiel des Finanzmarktes. Das Herz eines Kolibris schlägt 500, das eines Menschen 70 und das eines Blauwals 6 Mal pro Minute. Der Kolibri ist quasi ein Hochfrequenzhändler, der Mensch ein aktiver Fondsmanager und der Blauwal ein Value-Investor mit ganz langem Atem. Jede Strategie erfüllt eine sinnvolle Rolle, und es braucht Innovationen. Auch wenn sich nur wenige langfristig halten – ohne Innovationsprozess können keine neuen Nischen erschlossen werden.

Die Analogie zur Evolution hilft jedem Anleger, sich bewusst zu werden, welche Rolle er im Finanzbiotop spielt. Auch der Regulator kann von dieser Sichtweise nur  profitieren, da sie ihn sehr umsichtig werden lässt, in dieses Biotop einzugreifen.