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Big Apple Talk: Gesellschaft für die Superreichen

Der FuW-Korrespondent aus New York. Heute: die Freuden der Milliardäre, die Leiden der Geringverdiener und wie Händlern Silvester gestohlen wird.

Wissen Sie schon, was Sie zum Jahreswechsel machen? Die Händler an Wallstreet müssen sich die Frage nicht stellen, sie werden arbeiten. Normalerweise ist die New Yorker Börse grosszügig. Fällt ein Feiertag auf einen Samstag – wie das beim Neujahrstag 2022 ist –, bleibt am Freitag davor die Börse geschlossen. Dieser Usus wird aber ausser Kraft gesetzt, wenn «ungewöhnliche Geschäftsbedingungen vorliegen, wie das Ende einer monatlichen oder einer jährlichen Abrechnungsperiode». Und da der 31. Dezember das Ende von Monat, Quartal und Jahr markiert, bedeutet das einen normalen Handelstag an Silvester. Die Wallstreet-Händler sind stinksauer. Unter ihnen geht die Bezeichnung Grinch für die Regelsetzer der New Yorker Börse um. Die amerikanische Märchenfigur stiehlt im Kinderbuch bekanntlich Weihnachten.

Dieser Arbeitstag wird wohl jedenfalls das Ende eines Rekordjahres markieren. Laut dem Datenanbieter Refinitiv haben seit Beginn des Jahrtausends noch nie so viele Unternehmen in der Finanzmetropole ihren Börsengang lanciert. Und wer im US-Aktienmarkt investiert war, hat eine tolle Rendite erzielt. Das war allerdings nur eine Minderheit der US-Amerikaner. Für den grossen Rest, vor allem für Menschen mit relativ geringem Einkommen, schlägt die Inflation voll durch. Familien sehen sich diesen Winter doppelt so hohen Heizkosten ausgesetzt. Mieten und Benzin sind merklich teurer geworden, genauso wie Lebensmittel. Der Truthahn für Thanksgiving am 25. November kostet ein Viertel mehr als im Vorjahr. Trotz nomineller Lohnsteigerung aufgrund des Arbeitskräftemangels sind die realen Löhne wegen der heftigsten Inflation seit dreissig Jahren im Oktober 1,2% gesunken. Und damit den siebten Monat in Folge.

Auf der anderen Seite des Spektrums wird mal wieder über eine neue Vermögenssteuer für die Superreichen diskutiert, die zur Finanzierung der riesigen Investitionspakete der Regierung Biden herangezogen werden soll. Die US-Milliardäre wie Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Tesla-Gründer Elon Musk haben im Bullenmarkt der vergangenen zwölf Monate ihr Vermögen um 1,2 Bio. $ gesteigert und besitzen mit 5 Bio. $ das Äquivalent des Bruttoinlandprodukts von Japan. Gleichzeitig bezahlen sie wenig bis gar keine Einkommenssteuer – in vielen Ländern ist sie der eigentlich grösste Umverteilungsmechanismus. Ob die Steuer kommt, ist mehr als fraglich. Ihre Umsetzung gilt als schwierig, und das komplizierte US-Steuerrecht bietet eine ganze Reihe von Schlupflöchern.

In New York haben die Superreichen nun zumindest etwas Gesellschaft von denen bekommen, die nichts haben. Entlang des Südendes des Central Park ist in den vergangenen Jahren die sogenannte Billionaires’ Row entstanden. Eine Reihe von Wolkenkratzern mit den luxuriösesten und teuersten Apartments der Stadt. Anfang November wurde just hier eine neue Einrichtung eröffnet: ein Obdachlosenheim mit Platz für 140 Personen. Vier Jahre lang prozessierten die betuchten Anwohner dagegen. Bei dieser Nachbarschaft verwundert es nicht, dass es gemäss dem Leiter der zuständigen Stadtbehörde «der am besten finanzierte Rechtsstreit»  in der gesamten Stadt gegen eine solche Unterkunft war.