Meinungen

Big Data, Big Business, Big Brother

Die Zivilgesellschaft muss den totalitären Überwachungsstaat verhindern sowie der Marktmacht von Monopolen trotzen – ohne jedoch die riesigen Vorteile der Datenwirtschaft zu gefährden. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Wo der goldene Mittelweg liegt, wird immer wieder von neuem zu beurteilen sein.»

Big Data schafft den «gläsernen Menschen». Wenig bis nichts mehr wird im Zeitalter von Digitalisierung und Datenwirtschaft wirklich privat und geheim bleiben. Von der Zeugung bis zum Lebensende und selbst darüber hinaus, wenn es um die Organspende Verstorbener geht, wird alles und jedes, was Menschen tun oder lassen, mehr oder weniger vollständig von Sensoren, (Überwachungs-)Kameras, intelligenten Assistenzsystemen (wie Siri oder Alexa) sowie lückenloser Informationserfassung und -verarbeitung festgehalten, bewertet, verdichtet und vernetzt.

Überall und permanent werden individuelle Daten gesammelt, die dann von klugen Algorithmen weiterverarbeitet werden, um stimmige Bewegungsprofile, Verhaltens- und Entscheidungsmuster von Bürgern, Kunden oder Patienten zu erstellen. Versicherungspolicen unter Offenlegung aller persönlichen Angaben werden genauso per App abgeschlossen, wie Bankkonten geführt, Wertschriften gehandelt und Vermögen verwaltet werden, sodass in Summe nahezu lebenslang alle finanziellen Transaktionen in Datenbanken erfasst und mithilfe künstlicher Intelligenz (weiter-)verarbeitet werden können – zum Vor- wie zum Nachteil der Betroffenen.

«Gläserner Mensch» – schwaches Opfer

iPhone und iPad, Smartphone und Apps, Kunden- und Kreditkarten, Laptop und Computer sind die trojanischen Pferde der Datenwirtschaft. Sie erlauben, den Menschen mehr oder weniger komplett auszuspionieren. Ein Blick in den (elektronischen) Warenkorb genügt den (Online-)Händlern, um mit klugen Algorithmen die Kunden oft besser einzuordnen, als es der Selbsteinschätzung gelingt.

Das kann so weit gehen, dass künstliche Intelligenz, weit früher als betroffene Menschen selbst, weiss, was Sache ist – etwa wenn eine Frau schwanger geworden ist, ein Haustier zur Familie stösst, eine Ferienreise geplant ist oder eine Trennung bevorsteht. Gleiches gilt, wenn implantierte oder mitgetragene Messgeräte permanent Blutdruck, Insulinspiegel, Alkoholpegel oder Herzrhythmus überprüfen, die Daten laufend in Gesundheitszentren ausgewertet werden und der Arzt an der Haustür klingelt, bevor ein Infarkt oder ein Blutzuckermangel den Menschen schädigt – also durchaus ein positiver Effekt vollständiger Transparenz.

Der «gläserne Mensch» ist für Big Brother wie für Big Business ein schwaches Opfer. Im ersten Fall können staatliche Behörden, im zweiten Fall profitorientierte Unternehmen den Verlust der Privatsphäre und die vollständige Transparenz von Bürgern und Kunden ausnutzen. In Autokratien erhalten die Herrschenden private Informationen über (Wahl-)Verhalten und Vorgehensweisen, die ihnen erlauben, die Bevölkerung zu kontrollieren, Wohlwollen zu belohnen und Opposition zu bestrafen. In Demokratien drohen Big-Data-Konzerne eine Monopolposition zu erlangen, die Marktmacht schafft und Big Profits zulasten der Verbraucher zu erwirtschaften ermöglicht.

Sowohl für Big Brother in Autokratien wie für Big Business in Demokratien bietet die Realität einschlägiges Anschauungsmaterial. In China ist eine weitreichende staatliche Kontrolle bereits gang und gäbe. So tragen staatliche Sicherheitskräfte in chinesischen Grossstädten immer öfter Brillen mit Gesichtserkennungssoftware. Mit polizeilichen Datenbanken vernetzte Drohnen kreisen über Marktplätzen, Einkaufsstrassen und Verkehrsknotenpunkten, um der Obrigkeit eine allgegenwärtige, flächendeckende Kontrolle zu ermöglichen. Erweitert wird der Überwachungsstaat mit einem Good-Citizen-Programm, das gutes soziales Verhalten belohnt und schlechtes bestraft.

Im Rahmen eines Super-Scoring-(Pilot-)Projekts will Chinas Regierung jedem Bürger ein Punktekonto geben. Der Punktestand wird umso höher, je vorbildlicher der Einzelne im Sinne der Kommunistischen Partei lebt und bspw. ehrenamtlich tätig ist oder für gemeinnützige Projekte spendet. Er wird umso geringer, je mehr jemand abweicht, sich nicht an Regeln hält, z. B. im Verkehr oder beim Bezahlen von Rechnungen. Wer genügend Punkte hat, geniesst – wie bei Bonusprogrammen für Vielflieger – Vorteile: Er kann etwa mit schnelleren Zügen fahren, die Kinder kommen auf eine bessere Schule, oder es gibt eine Vorzugsbehandlung im Krankenhaus.

Wie dominant Big Business in Demokratien bereits ist, ersieht sich an der Weltrangliste der wertvollsten Unternehmen. Mit Apple (AAPL 203.86 0.36%), Microsoft (MSFT 123.37 1.31%), Amazon (AMZN 1861.69 -0.17%) und Alphabet liegen vier Datenkonzerne weit voraus. Da der Börsenwert die abdiskontierten Erwartungswerte aller künftigen Gewinne reflektiert, trifft – bei allem Respekt und Verständnis für die Profitorientierung von Unternehmen in einer Marktwirtschaft – eine triviale Feststellung dennoch unverändert zu: Der (erwartete ) Gewinn der Big-Data-Konzerne wird von ihren Kunden zu finanzieren sein, die mehr als die Kosten, die sie verursachen, zu bezahlen haben werden. Preise oberhalb der Kosten jedoch sind das Signal dafür, dass Unternehmen Marktmacht und eine Monopolposition erlangt haben.

Das Wesen von Big Data ist das Monopol. Ursache hierfür sind immense Fixkosten der Datenverarbeitung auf der einen und nahezu keine variablen Kosten der Datennutzung auf der anderen Seite. Es kostet Millionen bis Milliarden, um YouTube, Netflix (NFLX 360.35 1.58%), Spotify (SPOT 139.65 1.42%) oder WhatsApp zur Marktreife zu bringen, aber nur wenig bis nichts, um einer zusätzlichen Person die Nutzung zu ermöglichen.

Ob Videos von YouTube, Filme von Netflix oder Musik von Spotify von mehreren Personen oft sogar gleichzeitig angesehen und gehört werden, verringert die Qualität von Bild und Ton in keiner Weise. Daten nutzen sich durch Gebrauch nicht ab, werden nicht schlechter oder weniger. Millionen Menschen können zur selben Zeit die gleichen Streamingdienste aufrufen, Homepages ansehen oder elektronische Nachrichtenportale besuchen, ohne dass Informationsgehalt, Seh- oder Lesegenuss geschmälert wird. Somit besteht zwischen verschiedenen Nutzungszwecken von Daten kein Konflikt.

Premiere in der Menschheitsgeschichte

Ganz offensichtlich müssen sich Gesellschaften zugleich gegen Big Brother und Big Business zur Wehr setzen, ohne dadurch die riesigen Vorteile von Big Data zu gefährden. Einerseits müssen sie einen totalitären Überwachungsstaat verhindern, der die Intimsphäre ohne Scheu bis in die hinterste Ecke ausleuchtet, um vollständige Kontrolle über die Bevölkerung zu haben.

Zudem gilt es, der Marktmacht von Monopolen zu trotzen. Andererseits sorgen Digitalisierung und Datenökonomie dafür, dass Transparenz über alles und jedes herrscht, Offenheit geschaffen wird, Informationen überall und jederzeit für alle gleichermassen zur freien Nutzung bereitstehen. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war es auch nur annähernd so einfach und umfassend möglich, so viel Information und Wissen so schnell und so billig weltweit und in Echtzeit auszutauschen wie heute, was die Lebensqualität nahezu überall enorm verbessert. Herrschaftswissen, Informationsmonopole, Wissensdefizite konnten beseitigt werden. Angebote und Preise, Löhne und Zinsen lassen sich transparent vergleichen, was Wettbewerb fördert und Verbraucherrechte stärkt.

Aus der beträchtlichen Spanne zwischen Chancen und Risiken ergeben sich gewaltige Anforderungen an die Regulierung von Big Data und die Kontrolle von Big Business, die Sicherung von Eigentumsrechten sowie den Schutz der Privatsphäre. Ist man zu streng, droht man bei der Digitalisierung zurückzufallen und die immensen Vorteile von klugen Algorithmen und künstlicher Intelligenz zu missachten.

Ist man zu nachsichtig, verliert man Freiheitsrechte – entweder an Big Brother oder an Big Business. Wo genau der goldene Mittelweg liegt, wird immer wieder von neuem zu beurteilen sein.

Leser-Kommentare