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Big Data – Kristallkugel für die Börse?

Wer sucht, wird fündig: Das häufige Wort «Schulden» in Google-Abfragen signalisiert eine Aktienmarktrally. Bleibt es dabei, dürfte es weiter aufwärtsgehen, denn die Schuldenkrise ist noch lange nicht zu Ende.

Dietegen Müller

Die Glaskugel für Aktienmarktprognosen findet sich in den Köpfen der Marktteilnehmer (sagt die Verhaltensforschung). Wer weiss, was jemand denkt, bevor er Aktien kauft oder verkauft, ist im Vorteil und könnte die künftige Kursentwicklung gewinnbringend antizipieren. Das nennt sich dann Schwarmintelligenz. Denn mehr als einer weiss einfach mehr als einer, ergo ist das Resultat ein Erkenntnisgewinn (meint der Optimist). Doch eine Aufzeichnung der Hirnströme aller Investoren zu machen, wäre angesichts der Millionen Kapitalmarktakteure ein schwieriges Unterfangen. Da passt es hervorragend, dass sich im Internet ein Fundus ohnegleichen an auswertbaren Daten findet, die einfacher zugänglich und eindeutig auszuwerten sind. Ein Anwendungsbeispiel von Big Data.

So haben sich die drei Wissenschaftler Tobias Preis (Warwick Business School, Postdoc-Research Fellow an der ETH), Helen Susannah Moat (University College of London) und H. Eugene Stanley (Boston University) das Thema Korrelation von Suchbegriffen im Internet und Kapitalmarktfluktuationen vorgenommen. Sie haben die Frequenz der in Google eingegebenen Suchbegriffe in den Jahren 2004 bis 2011 analysiert. Tobias Preis meint: «Wir haben herausgefunden, dass die Veränderung in der Anzahl bestimmter Google-Suchbegriffe als Frühwarnsignal für darauffolgende Bewegungen am Aktienmarkt genutzt werden könnte.» Die Arbeitshypothese lautet: Wenn immer mehr Investoren besorgt werden, dass ein bestimmtes Ereignis eintreten könnte, werden sie auch verkaufen, also fallen irgendwann die Kurse. Umgekehrt verrät der Rückgang bestimmter Suchbegriffe womöglich das Abklingen der Befürchtung, dass ein Ereignis eintritt, und veranlasst zu mehr Zuversicht, sodass Kaufentscheide und damit steigende Kurse in Aussicht stehen.

In der umfassenden Untersuchung kamen Preis et al. zum Schluss, dass die kumulierte Rendite am Aktienmarkt mit dem Begriff  «Debt» – Schulden – signifikant positiv war (Standardabweichung von 2,31 gegenüber einer reinen Zufallsstrategie). Deutlich negativ war sie allerdings mit dem Begriff «Ring». Stark positiv war der Zusammenhang auch mit «Color» und «Stocks», vor «Restaurants» (vgl. hier). In einer anderen Studie haben Preis und zwei weitere Autoren bereits einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Suchen nach dem Unternehmensnamen und dem Handelsvolumen im entsprechenden Valor nachweisen können.

Ketzer werden nun einwerfen, was Restaurants denn mit Aktienmarktperformance zu tun haben sollen. Und dass die starke Zunahme des Suchbegriffs «Schulden» auch einherging mit einer deutlichen Kursrally am Aktienmarkt. Denn die Schuldenkrise rückte etwa 2009 in die breite öffentliche Wahrnehmung, zeitgleich mit einer der grössten Aufwärtsbewegungen im Dow Jones Industrial Average, der als Vergleichsindex herbeigezogen wurde. In der Schuldenkrise sind die Zinsen niedrig, um Investoren in risikoreiche Vermögenswerte zu drängen. Es wäre also bedenkenswert, was die Korrelation von “Debt” und Performance über Ursache und Wirkung aussagen kann.

Fazit: Mit Big Data lässt sich im Softwaregeschäft eine Menge Geld verdienen. Möglicherweise sogar auch an der Börse.