Meinungen

Bildungssystem ist besser als sein Ruf

Die Klage, das Schweizer Bildungssystem sei diskriminierend, beruht auf einer zu statischen Betrachtung. Ein Kommentar von Christoph A. Schaltegger.

Christoph A. Schaltegger
«Wir sollten nicht unbesehen den Argumenten der Bildungslobby folgen.»

Note ungenügend – so klagte kürzlich die Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozial­wissenschaften (SAGW) an: Das Schweizer Bildungssystem beruhe auf der tradierten Dreiklassen­gesellschaft. Die strikte Auslese durch Primarschule, ­Sekundarschule und Gymnasium entspreche nicht den Bedürfnissen einer modernen Wissensgesellschaft. So erreiche man keine echte Chancengleichheit. Ent­täuschung, Stress und Demotivation seien das beklagenswerte Resultat. Ganz allgemein: Unser Bildungssystem fördere die ­soziale Selektion und damit die soziale Ungleichheit. Das sind deutliche Worte der SAGW.

Ähnlich sieht es der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR): Unser Bildungssystem bevorzugt Kinder von bildungsnahen Eltern. Obwohl durchschnittlich 35,7% aller Kinder in der Schweiz einen Fachhochschul- oder einen Universitätsabschluss aufweisen, liegt dieser Wert für Kinder mit bildungsfernen Eltern bei lediglich 13,5%. Mit gut gebildeten Eltern steigt der Wert sogar auf 51,8%. Der Wis­senschaftsrat sieht Handlungsbedarf etwa bei der frühkindlichen Förderung durch den Staat.

Auch einige Soziologen argumentieren, dass die Schweiz generell eine eher undurchlässige Gesellschaft sei und dass sich die soziale Mobilität im Verlaufe des 20. Jahrhunderts nicht verbessert habe. Ein wichtiger Grund: Im Schweizer Bildungssystem finde eine zu frühe Selektion statt. Der allgemeine Ausbau des Bildungssystems habe nicht zu einer wesentlichen Verringerung der Chancenungleichheit geführt. Folgende Reformen werden angeregt, um die Chancenungleichheit zu verringern: 1. vorschulische Bildung und Betreuung fördern, 2. Kinder erst später in Schultypen aufteilen, 3. Berufsmatura stärken, 4. kantonale Quoten bei der gymnasialen Maturität anheben.

Effizienz des Mitteleinsatzes ist wichtig

Das alles klingt dramatisch. Hat die Schweiz ein veritables Chancengerechtigkeitsproblem? Ist unser Bildungssystem diskriminierend? Die mit Vehemenz vertretene Hypothese überrascht, bedenkt man die demokra­tisch-genossenschaftliche Tradition unseres Landes. Die Schweiz – eine ständische Gesellschaft, bei der «der Apfel nicht weit vom Stamm fällt»? Das ist nicht, was wir erwarten würden, wenn wir unser basisdemokratisches politisches System mit anderen Ländern vergleichen.

Wendet man den Blick auf die Arbeitsmarkindikatoren, könnte der Kontrast zum Alarmismus in den oben geäusserten Befunden ebenfalls nicht grösser ausfallen. Der Vergleich ist naheliegend, denn der Arbeitsmarkt müsste der Hauptleidtragende eines ungenügenden ­Bildungssystems sein. Niedrige Arbeitslosenrate, hohe Erwerbsquote, effizienter Vermittlungsprozess passen aber nicht zum pessimistischen Befund eines dysfunktionalen Bildungssystems. Natürlich: Es lässt sich argumentieren, dass die Schweiz ihren Fachkräftemangel durch Import von Arbeitskräften aus dem Ausland ­auffüllt und damit die Mängel im Bildungssystem einfach auslagert. Aber auch dieses Argument überzeugt nicht wirklich. Der Haupt­zuzug von Arbeitskräften findet nicht aus Ländern statt, die sich gemäss Pisa durch ein vergleichsweise herausragendes Bildungssystem auszeichnen. Nein, die schrille Klage kann nicht überzeugen.

Ich halte die Note ungenügend für das Schweizer Bildungssystem für überzogen. Klar: Dass eines der weltweit teuersten Bildungssysteme auch den Anspruch haben sollte, eines des weltweit besten und chancenreichsten Bildungssysteme zu sein, ist nicht zu viel verlangt. Dass man mit späterer Selektion mehr Chancengerechtigkeit schaffen kann, soll auch nicht bestritten ­werden. Aber erstens scheint mir das Schweizer Bildungssystem weniger diskriminierend als behauptet, zweitens handelt es sich bei vielen Vorschlägen vor allem um eine zusätzliche Mengen­ausweitung des Bildungssektors mit Ansprüchen an eine staatliche Finanzierung. Die Frage der Effizienz des Mitteleinsatzes kommt zu kurz.

Wie komme ich zu diesem Befund? Kurzfristige Betrachtungen des Bildungserfolgs von einer Generation zur nächsten sind für die Beurteilung der sozialen ­Mobilität trügerisch. Denn die so gemessenen Ab­hängigkeiten überschätzen die Beharrlichkeit, weil man den gesellschaftlichen Auf- und Abstieg über die Generationen selbst vernachlässigt. Gesellschaft­licher Aufstieg und Zerfall stehen nicht zufällig im ­Zentrum vieler Gesellschaftsromane. Thomas Mann wurde für sein Werk «Buddenbrooks» 1929 sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Zusammen mit Melanie Häner bin ich dieser Frage nachgegangen. Wie sind wir vorgegangen, um die langfristige Bildungsmobilität zu messen? Um die Chancengerechtigkeit über Generationen zu beurteilen, bedienen wir uns einer innovativen Methode, die mit Nachnamen die Verfolgbarkeit der Sippe erlaubt. Mithilfe der Nachnamen konnten wir über fünfzehn Generationen bis zurück ins Spätmittelalter identifizieren. Zu diesem Zweck werteten wir die Rektoratsmatrikel der Univer­sität Basel bis kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 1460 aus. Es geht also um die Frage der gesellschaftlichen Durchlässigkeit des Zugangs zur universitären Bildung. Seit 1550 waren 142 792 Studenten an der Universität Basel eingeschrieben, davon 31 275 Basler. Gleichzeitig wurde in Basel mehr als 0,5 Mio. Geburten regis­triert. Mit diesen Jahreswerten über knapp 500 Jahre lässt sich der Auf- und Abstieg der einzelnen Familien über Generationen verfolgen.

Wir können zeigen, dass die so gemessene Bildungsmobilität für die jeweils erste Generation bei 60% liegt, während sie für die Grosseltern bereits auf mehr als 80% steigt. Weniger als 20% des Erfolgs der gegenwärtigen Generation lassen sich auf die familiären Bande mit den Grosseltern zurückführen. Für die Urgrosseltern ist die Abhängigkeit gänzlich verwässert – die familiäre Zugehörigkeit hat keine Bedeutung mehr für den Bildungs­zugang an die Universität. Die obengenannten Studien kranken also an einer allzu statischen Betrachtung. Damit gelingt es ihnen nicht, die längerfristige gesellschaftliche Dynamik zu begreifen, die für die Bewertung der sozialen Mobilität von entscheidender Bedeutung ist.

Kaum verhohlener Ruf nach mehr Geld

Nicht übersehen sollte man auch, dass der Universi­tätszugang nicht das einzige Merkmal für die Beur­teilung einer chancenreichen Gesellschaft ist. Dies gilt besonders in der Schweiz, die mit dem dualen Bil­dungsweg traditionell aussichtsreiche Chancen in der Berufsbildung bietet.

Wir sollten nicht unbesehen den Argumenten der Bildungslobby folgen. Nicht selten verbirgt sich dahinter einfach der schlecht kaschierte Ruf nach mehr Geld für den Bildungssektor und seine Bürokratie. Der führende Bildungsforscher Ludger Woessmann äusserte sich in der NZZ vor ein paar Jahren deutlich: «Über­raschenderweise hat die empirische Forschung wie­derholt gezeigt, dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, mehr Ressourcen ins Schulsystem zu stecken. Weder im internationalen Vergleich noch innerhalb von Ländern gehen höhere Ausgaben, kleinere Schulklassen oder bessere Computerausstattung systematisch mit besseren Leistungen der Schüler in Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften einher (…) Eine erfolgreiche Bildungspolitik legt Standards fest und überprüft ihr ­Erreichen extern, überlässt es aber den Schulen selbst, wie sie diese Standards am besten erreichen können. Vor allem in Personalfragen und in Fragen des Tages­geschäfts benötigen Schulen mehr Freiheit.» Die Ergebnisse sollten uns zu denken geben. Sie gelten auch für die Chancengerechtigkeit.