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Der grosse Run auf Bitcoin & Co.

Die Kurse von Digitalwährungen gehen steil nach oben. Vor allem aus China kommt eine grosse Nachfrage.

Der wilde Ritt von Bitcoin (Bitcoin 38'203.00 -2.59%) beschleunigt sich wieder. Innerhalb weniger Tage legte der in Dollar gerechnete Kurs der Digitalwährung um weitere 20% zu. Aktuell notiert Bitcoin knapp unter 700 $. Damit haben sich die Kurse innert Jahresfrist verdreifacht. Zuletzt notierte Bitcoin vor über zwei Jahren auf diesem Niveau.

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Mit einer aktuellen Marktkapitalisierung von 10,9 Mrd. $ ist Bitcoin nun gar höher bewertet als beispielsweise der Kurznachrichtendienst Twitter (TWTR 69.13 -0.89%) (9,7 Mrd. $).

Aber auch andere, mit Bitcoin vergleichbare Zahlungsmittel haben sich im Juni deutlich verteuert. Zum Beispiel die zweitgrösste Digitalwährung Ether Coin, mit dem sich Anleger an dem Projekt eines angeblich nicht knackbaren weltumspannenden Computernetzwerks namens Ethereum beteiligen.

Alleine in den vergangenen dreissig Tagen ist der Preis für Ether um 60% gestiegen. Noch eindrücklicher ist der Anstieg seit Anfang Jahr. Wer im Januar 1000 Fr. in Ether investiert hatte, besitzt heute fünfzehn mal mehr.

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Ein weiteres Beispiel für die zunehmende Flucht in Anlagen, die vom herkömmlichen Währungssystem unabhängig sind, ist die Nummer drei unter den Coins – der Litecoin. Die dem Bitcoin nachempfundene Digitalwährung kletterte im Juni rund 40%.

Hinter der Wiederentdeckung dieses Computergelds stehen Ängste und Verunsicherungen von Anlegern. Zuletzt gaben Umfragen, die auf ein mögliches Ja zum Brexit weisen, neue Kursimpulse.

Kapitalflucht der Chinesen

Hauptsächlicher Treiber sind aber viele Chinesen, die einen Teil ihrer Gelder in digitale Währungen tauschen. «Über das Wochenende hat sich dieser Trend verstärkt», sagte Ryan Rabaglia von ANX International zu Bloomberg. Die Angst vor einer sich weiter verlangsamenden Wirtschaft sei gross, der Druck auf die chinesische Währung Yuan halte weiter an. «Jedes Mal, wenn der Yuan weiter an Wert verliert, sehen wir Kapitalabflüsse aus China. Bitcoin gehört dabei zu den Gewinnern», so Rabaglia.

Gemäss Schätzungen sind die chinesischen Bitcoin-Börsen Huobi und OKCoin für 90 bis 95% des weltweiten Bitcoin-Handels verantwortlich. «Es gibt eine Menge Geld in China, das irgendwo hin muss», erklärte Du Jin, Marketingchef von Huobi, vor zwei Wochen gegenüber dem «Wall Street Journal».

Der Yuan steht gegenüber dem Dollar wieder nahe dem Fünfjahrestief, das im Januar erreicht wurde. Gleichzeitig gehört der Shanghai Composite Index im laufenden Jahr zu den schlechtesten Performern weltweit.

Die «Halbierung»

Ein anderer Grund für den Höhenflug ist ein Ereignis, das im Juli wiederkehrt und nur alle vier Jahre vorkommt: das sogenannte Halving – sprich Halbierung der Bitcoin-Produktion. Dabei halbiert der Algorithmus die Menge an Bitcoins pro Zeiteinheit. Alle zehn Minuten können dann nur noch 12,5 statt wie bisher 25 Bitcoins «geschürft» werden.

Das soll die Inflation der Digitalwährung festlegen. Bitcoins werden über Computer mit speziellen Programmen erschaffen. Allerdings erhält die digitalen Münzen nur derjenige, der mit seinem Rechner schwierige kryptografische Aufgaben lösen kann.

Nichts für schwache Nerven

Trotz der jüngsten Hausse ist Bitcoin keine Anlagealternative für schwache Nerven. Der Kurs wird über zahlreiche, nicht miteinander verbundene Handelsbörsen festgelegt und ist sehr schwankungsanfällig. So kletterte der Kurs im Jahr 2013 steil nach oben. Im Dezember wurde bei 1150 $ je Bitcoin der höchste je bezahlte Kurs erreicht. Dann folgte der Absturz, es entwich immer mehr Luft aus der Bitcoin-Blase. Seither dümpelten die Notierungen bei 200 $ herum.

Dazu kamen verschiedene Skandale. Prominentester Fall war die einst grösste Bitcoin-Börse Mt. Gox, die im Februar 2014 ihre Website schliessen musste. Das eingezahlte Geld von Kunden war verloren. Die Schadenssumme betrug mehrere hundert Millionen Dollar. Man geht davon aus, dass die Börse Opfer eines Hackerangriffs wurde.

Die Digitalwährung Bitcoin wurde 2008 von einem gewissen Satoshi Nakamoto gegründet. Über die Identität des angeblichen Japaners ranken sich bis heute die wildesten Gerüchte. Im Mai dieses Jahres beanspruchte der Australier Craig Wright für sich, der Kopf der Bitcoin-Bewegung zu sein. Bis heute blieb er aber einen schlüssigen Beweis dafür schuldig.