Meinungen

Bitte keine Feinsteuerung

Die schweizerische Wirtschaft ist wesentlich robuster als erwartet. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Die Schweizer Wirtschaft hat schon oft bewiesen, dass sie äusserst widerstandsfähig ist – das gilt auch für die gegenwärtige Situation.»

Auf nächsten Donnerstag lädt Bundes­präsidentin Simonetta Sommaruga, zusammen mit Vizepräsident Guy Parmelin sowie mit Bundesrat Alain Berset, abermals zu einem «Corona-Krisengipfel» ein. Geladen sind die zuständigen Vertreter der Konferenz der Kantonsregierungen. Dabei soll es um eine Lagebeurteilung sowie die Abklärung von allfälligem Handlungsbedarf gehen. 

Wichtig ist dabei zweierlei: Es darf unter keinen Umständen einen zweiten Lockdown geben, und es ist dringend von einer konjunkturellen Feinsteuerung abzuraten. Beide Forderungen lassen sich letztlich mit der neuen Beurteilung der Konjunkturlage durch die Expertengruppe des Bundes zur Konjunkturentwicklung begründen. Die Wirtschaft hat sich in den vergangenen Monaten wesentlich robuster entwickelt, als zunächst erwartet worden war. 

Rechnete die Expertengruppe des Bundes noch im Juni mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 6,2%, sind es jetzt noch 3,8%. Damit steht die Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut da. Aber eben: Es ist immer noch der stärkste Einbruch seit 1975. Ein erneuter Lockdown hätte für die Wirtschaft katastrophale Auswirkungen, die öffentlichen Finanzen und die arbeitsmarktlichen Instrumente könnten ein solches Regime nicht ein zweites Mal verkraften.

Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass eine konjunkturelle Ankurbelung über die Nothilfemassnahmen hinaus fehl am Platz wäre. Der Blick in das kommende Jahr zeigt eine deutliche Erholung der Konjunktur, das BIP sollte demnach 3,8% wachsen. Das ist zwar weniger als noch im Juni erwartet (+4,9%), doch immer noch positiv zu vermerken.

Allerdings sind die Prognosen auch angesichts der unsicheren internationalen Lage mit erhöhten Risiken behaftet. Sollte es wieder zur Schliessung von Betrieben und Grenzen kommen, müsste sich dies auf die Schweiz belastend auswirken. Die Unsicherheit wird durch aktuelle Ereignisse illustriert. So streicht Ruag Inter­national bis zu 150 Stellen, Coca-Cola (KO 48.14 0.38%) baut in der Schweiz ab, ebenso EasyJet (EZJ 500.6 2.23%). In der Hotellerie könnte es zu einer Welle von Konkursen oder Stilllegungen kommen – stellvertretend sei auf die geplante Schliessung des Swissôtel in Zürich verwiesen.

Solle der «Krisengipfel» wieder zum Panikmodus führen, wäre das der Stimmung im Lande abträglich. Die Unsicherheiten würden weiter – und über Gebühr – geschürt, so kann kein Vertrauen in die Zukunft entstehen. Eine besonnene Standortbestimmung sowie der Verzicht auf Lockdown und konjunkturelle Feinsteuerung dagegen wirkten vertrauensbildend. Das ist auch darum angezeigt, weil der Versuch, die Konjunktur im Detail zu managen, nie gelingt. Solche Massnahmen kommen zu spät, wirken am falschen Ort und verzerren gewachsene Strukturen. 

Die Politik tut gut daran, Wirtschaft und Gesellschaft mit möglichst wenig ­Einschränkungen zu belegen und sie arbeiten zu lassen. Die Schweizer Wirtschaft hat schon oft bewiesen, dass sie äusserst robust ist – das gilt auch für die gegenwärtige Situation.

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