Blogs / Momentum

BIZ-Chefökonom: Schulden bedrohen die Weltwirtschaft

In einer Präsentation warnt der BIZ-Chefökonom Claudio Borio vor wachsenden Schulden. Sie können der Weltwirtschaft gefährlich werden. Er plädiert für höhere Zinsen.

Alexander Trentin

Die Weltwirtschaft leidet unter drei hässlichen Belastungen, erklärt Claudio Borio in einer Präsentation. Borio ist Chef der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Diese drei Hässlichkeiten sind:

  • Die Schulden sind zu hoch: Trotz Finanzkrise sind weltweit die Schulden von Haushalten, Unternehmen und Staaten nicht zurückgegangen.
  • Die Produktivität wächst zu langsam: Der Einsatz von Arbeit bringt immer weniger zusätzlichen Nutzen. Das drückt das Wirtschaftswachstum. Dieser Trend hat schon vor der Finanzkrise eingesetzt.
  • Zentralbanken und Regierungen haben wenig Spielraum, bei einer Krise zu stützen: Die Staatshaushalte sind schon hoch verschuldet, sodass sie kaum mehr Schulden aufnehmen können, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Zentralbanken können die Zinsen in vielen Ländern nicht weiter senken. Und auch für Anleihenkäufe, ein Quantitative Easing, ist kaum Platz; die Notenbankbilanzen sind in den Industrieländern schon aufgebläht.

Wie sind wir in diese prekäre Situation gekommen? Borio sieht die Schuld bei den Regierungen und den Notenbanken:

  • Die Entscheidungsträger haben nicht die richtigen Schlüsse aus der Finanzkrise gezogen.
  • Sie haben zu wenig getan, um Finanzbooms einzudämmen.
  • Sie haben zu sehr auf die Stützung der Nachfrage vertraut, um mit dem Zusammenbruch der Blase zurechtzukommen. Sie haben nicht zwischen Krisenmanagement und der Lösung der Krise unterschieden.

Der wichtigste Chart von Borio ist der Vergleich der Konjunkturzyklen und der Finanzzyklen. Die Grafik unten zeigt die Schwankungen der jeweiligen Zyklen als standardisierte Abweichung von ihrem Trend. Beim Finanzzyklus (Financial Cycle, blaue Linie) sind es Indikatoren wie Verschuldung, Verschuldungsgrad und Hauspreise. Beim Konjunkturzyklus (Business Cycle, rote Linie) sind es Schwankungen des Bruttoinlandprodukts.

Eine Aufwärtsbewegung in einem Finanzzyklus ist von einer höheren Verschuldung, gut laufenden Finanzmärkten und höheren Immobilienpreisen gekennzeichnet. Die realwirtschaftlichen Konjunkturzyklen sind nicht grösser geworden, die Schwankungen im Finanzzyklus dagegen umso mehr, und sie dauern auch viel länger. Das macht den Zusammenbruch der Booms in den Kredit- und den Finanzmärkten umso gefährlicher.

BIS

Quelle: BIZ

Die Ökonomen kümmern sich zu wenig um die Finanzzyklen, meint Borio. Denn nicht nur wird der Realwirtschaft durch eine Finanzkrise lang anhaltender Schaden zugefügt. Auch das Produktivitätswachstum wird so geschwächt. Die Wirtschaft wächst nach einer Finanzkrise weniger schnell. Die Realwirtschaft expandiert während eines Finanzbooms schon 0,3 Prozentpunkte weniger. Nach einer Finanzkrise sinkt das Wachstum um 0,7 Prozentpunkte. Ein fünfjähriger Boom und eine darauffolgende fünfjährige Krise kosteten also 6 Prozentpunkte an Wirtschaftswachstum.

Woher kommen diese riesigen Effekte? Grossteils von der falschen Verteilung von Ressourcen. Das bedeutet: Im Finanzboom werden Angestellte in unproduktivere Sektoren verlagert. Der Immobiliensektor und der Finanzsektor profitieren normalerweise von einem Kreditboom – und leiden dann unter dem Kater, wenn der Boom vorbei ist.

Zusätzlich schwappt die lockere Geldpolitik aus den Industrieländern in die Schwellenländer über. Und hat dort für einen nicht nachhaltigen Finanzboom gesorgt. Die Dollarverschuldung nimmt dort zu. Gleichzeitig wollten die Schwellenländer ihre Währungen nicht aufwerten lassen und haben so die Geldpolitik der USA übernommen.

Die Quittung für die Schwellenländer ist schon gedruckt. Bei den Frühindikatoren für Bankenkrisen leuchten Warnlampen auf. Die Indikatoren Verschuldungsgrad (Credit to GDP) und Schuldendienst (Debt Service Ratio) scheinen für Brasilien und China schon zu hoch (vgl. Tabelle unten). Erst am Sonntag hatte die BIZ vor den Problemen der Schwellenländer in ihrem Quartalsbericht gewarnt.

Warnindikatoren

Quelle: BIZ

Mit dieser Situation müssen nun die Notenbanken zurechtkommen. Damit erklärt Borio die lockere Geldpolitik und die niedrigen Zinsen. Sie sollen die Wirtschaft trotzdem am Laufen halten. Aber die Schulden wachsen weiter (vgl. Grafik unten). Dadurch wird es immer schwieriger, die Zinsen anzuheben, ohne der Wirtschaft beträchtlichen Schaden zuzufügen.

Wenn niedrige Zinsen zu finanzieller Instabilität führten und finanzielle Instabilität zu riesigen wirtschaftlichen Kosten, dann sei es nicht vernünftig, diese Zinsen als «Gleichgewichtszinsen» zu betrachten.

«Zu geringe Zinsen in der Vergangenheit sind ein Grund für niedrige Zinsen heute», meint Borio. Zinsen seien nicht nur Spiegelbild von äusseren Einflüssen, sondern würden das wirtschaftliche Umfeld mitverändern.

Zinsen_Schulden

Quelle: BIZ

Was ist zu tun? Statt kurzfristig Finanzkrisen mit einer nachfrageorientierten Politik zu bekämpfen, setzt Borio auf eine langfristige Politik, um zu grosse Finanzbooms zu verhindern.

Die oft beschworenen «makroprudenziellen Instrumente» seien wichtig, aber allein nicht genug. Unter solchen Instrumenten versteht man Regulierungen, um einen Kredit- und Finanzboom durch Auflagen zu verhindern. Ein Beispiel sind höhere Anforderungen an die Vergabe von Hypotheken oder höhere Eigenkapitalanforderungen für Banken.

Borio plädiert dafür, dass die Notenbanken die Zinsen erhöhen – auch wenn die Inflation unter Kontrolle erscheint. Sorgen über eine Deflation seien wohl übertrieben. Die Zentralbanken müssten bei ihrer Geldpolitik auch die Effekte auf andere Länder berücksichtigen. «Grosse Länder mit internationaler Währung haben eine besondere Verantwortung», schreibt Borio.

Leser-Kommentare